Interview: In the Middle of the River

Ein Familienkampf

In seinem zweiten Spielfilm "In the Middle of the River" widmet sich Damian John Harper erneut dem Leben in New Mexico und zeigt ein düsteres Gesellschaftsportrait der USA. Wir haben mit dem Regisseur über seine Arbeit gesprochen.
Szene aus "In the Middle of the River"
Angespannte Familienverhältnisse

Das Bild ist noch schwarz, da hört man schon ein angespanntes Atmen. Rasender Zorn ist bereits spürbar, obwohl der Film noch gar nicht begonnen hat. Dann befindet man sich auf einmal in einer Tankstelle. Ein junger Mann - Gabriel (Eric Hunter) heißt er - schlägt wütend gegen die Wand, bevor er auf den Parkplatz stürmt und einen anderen Mann zu Boden wirft. Gabriel ist als Kriegsveteran aus dem Irak zurückgekehrt. Seine Schwester ist derweil unter mysteriösen Umständen verstorben. Ihre Todesumstände will er nun ergründen, wobei schnell der gewalttätige Großvater in sein Visier gerät.

Suche nach Zuneigung 

Bereits in dem preisgekrönten Kurzfilm Teardrop und seinem ersten Kinofilm Los Ángeles erforschte Regisseur Damian John Harper kriminelle Strukturen, erzählte von Menschen, die fast zusammenbrechen und doch immer nur nach Liebe, Zusammenhalt und einer Perspektive im Leben suchen. In seinem zweiten Langfilm In the Middle of the River führt Harper all diese Elemente zusammen und portraitiert das Leben der Abgehängten in Amerika. Von jenen Menschen, die von der Regierung und den Behörden im Stich gelassen wurden, die mit Gewalt konfrontiert und sie verwickelt werden. Die sich durch die Wahl von Präsident Trump Besserung erhoffen. Hass, Rassismus und unterdrückte Traumata sind allgegenwärtig. Selbst unter den Jugendlichen, die die Bewohner aus dem angrenzenden Reservat als "Buschneger" bezeichnen und sich einen brutalen Kleinkrieg liefern. Harper gelingt diese Darstellung glücklicherweise ohne Verurteilung oder moralischen Zeigefinger. Dabei macht er es weder seinen Figuren noch dem Publikum leicht. 

Die Kamera wirkt in seinem Film wie entfesselt, folgt in quälend langen Einstellungen den Charakteren, stolpert hinter ihnen her, vibriert voller Zorn, folgt den Faustschlägen. Oftmals vergisst man, dass es sich hier um einen Spielfilm handelt, vielmehr wirkt In the Middle of the River wie eine Dokumentation, der man sich kaum entziehen kann. Neben all den angedeuteten gesellschaftlichen Problemen entfaltet sich ganz nebenbei noch eine äußerst mitreißende Familiengeschichte. Der Konflikt zwischen Gabriel und seinem Großvater (Max Thayer) um Ehre, Männlichkeitsideale und eiskalte Rache steht immer wieder kurz vor der Eskalation und könnte so auch einer antiken Tragödie entsprungen sein.   

​Im Interview spricht Regisseur Damian John Harper über seine Filme "Los Àngeles" und "In the Middle of the River", die Arbeit mit Laiendarstellern und Authentizität im Kino.

Janick Nolting im Gespräch mit Regisseur Damian John Harper

Reale Körper, reale Geschichten

Einmal mehr arbeitet Damian John Harper in In the Middle of the River zum Großteil mit Laiendarstellenden und hat deren Geschichten und Erlebnisse in die Handlung eingeflochten. Damit erreicht der Film ein Maß an Authentizität und eine unmittelbare Wucht, die es im bisherigen Kinojahr 2018 selten so auf der Leinwand zu erleben gab. Besonders hervorzuheben ist hier die Leistung von Eric Hunter, tatsächlich ein Kriegsveteran. Sein subtiles Schauspiel zwischen Zerbrechlichkeit, (Für-)Sorge und heftigen Gewaltausbrüchen ist kraftvoll und zutiefst berührend. So taumeln die Charaktere durch ihren trostlosen Alltag, sind auf der Suche nach Rettung. Die Kamera ist immer dabei. Erlösende Schnitte gibt es kaum. Beinahe ein Wunder, dass dieses gewagte Konzeptkino so gut gelingt.

Regisseur Harper hält das Publikum in dem Szenario regelrecht gefangen, mitunter etwas auf Kosten der Spannung. Einige Längen haben sich in seine Erzählung dann doch eingeschlichen. Leichte Unterhaltung ist In the Middle of the River jedenfalls nicht geworden. Ein Filmerlebnis, dem man sich aussetzen muss, obwohl es schwer zu ertragen ist. Auch wenn man der Auflösung des Konflikts nach all dem Leid ein gewisses Wunschdenken nicht absprechen kann: Es tut gut, wenn am Ende der knappen zwei Stunden trotz allem eine Art Hoffnungsschimmer erkennbar ist. 

Fazit

In the Middle of the River ist kraftvoll-naturalistische, wenn auch herausfordernde Milieustudie und bewegendes Familienportrait zugleich. Das ist schauspielerisch stark und stilistisch ambitioniert. Man darf gespannt sein, was einen dieser Damian John Harper in Zukunft noch präsentiert. In the Middle of the River ist jedenfalls sein bisher bestes Werk und ein kleines Juwel in diesem Kinojahr. 

Den Beitrag finden Sie hier zum Nachhören:

Ein Beitrag von Janick Nolting (Teil 1)
Middle of the River (1)

 

Ein Beitrag von Janick Nolting (Teil 2)
Middle of the River (2)
 

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In the Middle of the River

​Regie/ Drehbuch: Damian John Harper

Cast: Eric Hunter, May Thayer, Matthew T. Metzler, Nikki Lowe und andere

FSK 16

​Laufzeit: 113 Minuten

Kinostart: 16.08.2018  

Damian John Harper wurde in Boulder, Colorado geboren. Er studierte Anthropologie, arbeitete als Ethnologe, bevor er sich in München dem Filmstudium widmete. Nach einigen Kurzfilmen veröffentlichte er mit "Los Àngeles" 2014 seinen ersten Spielfilm im Kino.