Berlinale 2019

"Ich war zuhause, aber" nichts passiert

In dem dritten deutschen Wettbewerbsbeitrag der 69. Berlinale hebelt Regisseurin Angela Schanelec das Familiengefüge auseinander und erntet dafür Buhrufe von der Presse.
Szene aus "Ich war zuhause, aber"
Astrid erklärt, wie die Kunst funktioniert

Sinnentleerte, monoton vorgetragene Dialoge, Menschen bewegen sich mechanisch, roboterhaft, unterhalten sich über Nichtigkeiten. Alles ist unterkühlt, Gefühle sind selten erkennbar. Klingelt es schon? Nach der ersten halben Stunde von Ich war zuhause, aber hat man bereits mehrfach an Michael Haneke oder den griechischen Regisseur Yorgos Lanthimos gedacht, dem zuletzt mit seinen Gesellschaftsdekonstruktionen der große Sprung bis zu den Academy Awards gelungen ist.

Zu Beginn dieses dritten deutschen Wettbewerbsbeitrags der 69. Internationalen Filmfestspiele Berlin geht es aber erst einmal weit weg von den Menschen nach draußen. Auf die Felder, wo ein Hase über Stock und Stein hoppelt und von einem gierigen Hund gejagt wird. Auch ein Esel schleicht sich in die Bilderfolge ein. Diese Tiere bilden den erzählerischen Rahmen, der wohl mit irgendwelchen mythischen Besetzungen aufgeladen werden sollte.

Mutterschaftskrise

Im Zentrum von Ich war zuhause, aber steht eine Frau namens Astrid, gespielt von Maren Eggert. Ihr Sohn Philip war verschwunden und kehrt jetzt nach Hause zurück. Wo er war, das erfährt man nicht, aber der Junge scheint eine ganz besondere Verbindung zur Natur erfahren zu haben. Plötzlich erscheinen seiner Mutter alle profanen Gepflogenheiten fremd. Da ist nur noch die Leere, nichts Menschliches mehr.

Szene aus "Ich war zuhause, aber"
Im Wald wartet die Erlösung.

Die meiste Zeit ihres Tages verbringt sie offenbar mit ihrem kaputten Fahrrad, das sie von einem stummen Mann erhalten hat, der mit einem elektrischen Hilfsgerät unverständliche Laute von sich gibt. Neben derartig banalen Sequenzen passiert nicht viel mehr.

Die statische Kamera verharrt lange auf den schweigenden Gesichtern der Charaktere. Im Zentrum steht schließlich ein aufgebrachter Monolog von Astrid auf offener Berliner Straße, in dem sie plötzlich zum Rundumschlag gegen die Kunst- und Kulturszene ausholt. Nicht nur ihre Rolle als Mutter wird zur Diskussion gestellt, sondern offenbar verkommt die Frau auch zur Kunstrevolutionärin. Da ist nichts real im Schauspiel. Die Tänzer arbeiten mit Kontrolle, aber das Echte, das Wahrhafte kommt erst im Moment des Kontrollverlustes zum Vorschein. Natürlich wird wenige Minuten später dieser Kontrollverlust bei ihr im Streit mit ihren Kindern hervorbrechen. Dieser Monolog sollte kein Pamphlet sein, behauptet die Regisseurin. So ganz abkaufen will man ihr das nicht. Die Gesellschaft befindet sich hier also in einer Art Gefühlsvakuum. Warum oder wie es dazu gekommen ist, wird nicht diskutiert. Die Familie befindet sich in Trauer, seit der Vater und Ehemann verstorben ist, aber auch der Rest dieser Welt scheint sich in diesem Lebensgefühl zu befinden.

Der Rest ist Schweigen

Reicht noch nicht an prätentiöser Spinnerei? Das dachte sich wahrscheinlich auch die Regisseurin und Drehbuchautorin. Zwischengeschnitten werden nämlich noch Aufnahmen einer Schulklasse, die den Hamlet einstudiert. Die Dinge spielt, die die Kinder selbst gar nicht nachfühlen können und plötzlich müssen in der Pressekonferenz ganz grundsätzliche Fragen im Rahmen dieser Berlinale erörtert werden. Warum sprechen die Menschen so wie hier? Sorgen die Verfremdungseffekte nicht für eine Abkehr unserer Realität, die selbst gar nicht so einfach zu definieren ist? Natürlich muss hier nicht das "echte Leben" porträtiert werden. Diesen Weckruf brauchten offenbar Teile der Presse, die sich allzu leicht an die generischen Geschichtsstunden der anderen Wettbewerbsbeiträge gewöhnen konnte.

Keine Erklärung

Bravo dafür, dass überhaupt mal wieder jemand in diesem Festivaljahrgang versucht, etwas Verstörendes auf Publikum und Presse loszulassen, das unsere Sehgewohnheiten herausfordert! Nur etwas mehr Inhalt und etwas weniger verkopfte Langeweile darf es beim nächsten Mal sein. Ich war zuhause, aber stellt die richtigen Fragen über das Kino selbst und bietet genug Stoff, um im Feuilleton zu Tode analysiert zu werden, wie es derzeit auch schon der Fall ist. Ob ein Großteil des Publikums damit Freude haben wird, scheint aber fraglich. Der Dialog mit Regisseurin Schanalec liefert wenig neue Erkenntnisse nach diesem unverständlichen und leider unerträglich zähen Film. Was hat es beispielsweise mit den Tieren auf sich? Die Regisseurin - übrigens eine Vertreterin der sogenannten Berliner Schule - begründet diese Szenen damit, dass sie sie einfach gern sehen wollte und einfach gedreht hat. Diese Friss-oder-stirb-Attitüde wird auch im Film selbst deutlich. Kann die Menschheit also nur durch die Rückwendung zur Natur gerettet werden? Finden wir die Erlösung, den Zusammenhalt wieder im Barfußgang durchs kalte Waldgewässer? Man weiß es nicht. Vielleicht wollte die Künstlerin auch diese Szene einfach "gerne sehen".

Fazit

Hier wird also der Esel von der Presse am Ende ausgebuht. Diese Tatsache ist fast unterhaltsamer als der Film selbst. Bei Ich war zuhause, aber bleiben im Kern nur Fragezeichen übrig. Wäre nicht schlecht, wenn das Seherlebnis wenigstens ansprechend wäre, doch auch das ist bei dieser stillstehenden Versuchsanordnung kaum der Fall.

 

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"Ich war zuhause, aber" feiert seine Weltpremiere im Wettbewerb der 69. Internationalen Filmfestspiele Berlin.

Regie und Drehbuch: Angela Schanelec

Cast: Maren Eggert, Jakob Lassalle, Franz Rogowski und andere

Kinostart: 12.09.2019

Laufzeit: 105 Minuten