Filmkritik

Hotel Mumbai: Terror im Kino

Wenn sich das Kino erst kürzlich zurückliegende Schreckensereignisse aneignet, dann ist der große Aufschrei meist nicht weit entfernt. Der Thriller "Hotel Mumbai" über den verheerenden Terroranschlag in Indien 2008 besitzt ähnliches Streitpotential.
Hotel Mumbai
"Hotel Mumbai" feiert seine Deutschlandpremiere beim 33. Fantasy Filmfest

Wenn alle Hollywood-Thriller so spannend wären, müsste man sich keine Sorgen mehr um dieses Genre machen. Es ist völlig egal, wie viele Filme dieser Art man bereits gesehen hat: Hotel Mumbai besitzt eine ungeheure Intensität und Wucht, der man sich nicht entziehen kann. Anthony Maras versucht sich hier an einer fast minutiösen Re-Inszenierung eines grausamen Terroranschlags, der im November 2008 die Metropole Mumbai in Angst und Schrecken versetzt hat. Drei Islamisten landen in der Stadt, schießen an einem Bahnhof wahllos mit Gewehren um sich, sprengen ein Café in die Luft und dringen schließlich in das Luxushotel Taj Mahal Palace ein. Unzählige Stunden vergehen, in denen die Gäste und Angestellten im Hotel um ihr Leben bangen müssen, während sich draußen vor dem Hotel Presse, Polizisten und Angehörige versammeln und nur machtlos zusehen können.

Ein Horror-Trip

Wie hier immer wieder unzählige Wehrlose über den Haufen geschossen werden, wie dieser Anschlag einfach kein Ende nehmen will, das ist schwer zu ertragen und auf einer rein emotionalen Ebene unfassbar intensiv, unfassbar beklemmend, schonungslos und brutal inszeniert, sodass danach ein Spaziergang an der frischen Luft eine gute Wahl ist, um das Gezeigte erst einmal sacken zu lassen.

Hotel Mumbai
Dev Patel spielt einen jungen Koch

Formal ist das über alle Zweifel erhaben, wie hier gekonnt mit Kamerafahrten gespielt, wie das Verstecken und Fliehen vor den Terroristen inszeniert wird. Das ist erstaunlich routiniert gelungen, vor allem wenn man sich noch einmal vor Augen führt, dass es sich hier um ein Regiedebüt handelt. Maras reiht sich dabei nun in eine Gruppe von Filmschaffenden ein, die sich aktuelle Anschläge zum Vorbild nehmen, um diese dann filmisch nachzuerzählen.

Boston über den Anschlag beim Boston-Marathon hat das getan oder auch Erik Poppe, der 2018 in seinem Utoya-Film versucht hat, eine Möglichkeit zu finden, dieses Gefühl auf Film zu bannen, wie es wohl sein muss, bei einem derartig traumatisierenden Erlebnis dabei zu sein. Das kann man geschmacklos finden, lässt sich aber nicht mehr wegdenken aus der Filmlandschaft und trägt einen wichtigen Teil dazu bei, sich von der alltäglichen Angst vor derartigen Ereignissen distanzieren zu können. Ganz so, wie es auch das Horrorkino versucht. Und nichts anderes ist Hotel Mumbai geworden. Ein Horrorfilm. Zumindest ein reales Drama, das mit den Mitteln eines Genrefilms inszeniert wurde. 

Viel Pathos

Anthony Maras macht keinen Hehl daraus, dass er diesen Anschlag als einen fiktionalen Film verarbeitet, und das muss er auch gar nicht. Die Frage nach dem "Darf man das?" muss sowieso außerhalb des Kinosaals beantwortet werden.

Hotel Mumbai
Die Belegschaft versucht zu helfen

Kleiner Tipp: Ja, man darf und in gewisser Hinsicht sollte man auch! Mit dieser Konsequenz der filmischen Aufbereitung umgeht der Regisseur schon mal die Probleme, die beispielsweise Poppes Utoya 22. Juli hatte, der seinen dokumentarischen Realitätsanspruch dann immer wieder mit horrorhaften Spannungsmitteln selbst gebrochen hat. Womit Hotel Mumbai vielmehr für Augenrollen sorgt, ist aber, wie hier künstliches, klischeehaftes Drama erzeugt werden will. Man könnte den Eindruck bekommen, als wäre all das noch nicht schlimm genug.

Natürlich muss es da für das amerikanische Publikum eine amerikanische Familie als Identifikationsfiguren geben. Das ist von unter anderem Armie Hammer (Call Me By Your Name) ordentlich gespielt, schießt aber in seiner Überdramatisierung am Ziel vorbei. Da muss für den größtmöglichen Horror immer wieder ein Baby in Gefahr gebracht werden, Liebespaare werden eingeführt und im nächsten Moment kaltblütig auseinandergerissen und in einer besonders fragwürdigen Szene suggeriert der Film sogar, es würde sich hier in erster Linie um einen Racheakt gegen Amerika handeln. Was mit einem fast dokumentarischen, verstörenden Fatalismus beginnt, wandelt sich zum emotional hochgeschaukelten Thrillerdrama. Die Fiktionalisierung der realen Geschehnisse ist Segen und Fluch zugleich, das Ableben der Täter zum Schluss wenig durchdacht inszeniert. Ein aufwühlender Reißer ist es bis dahin dennoch.

Fazit

Kann man geschmacklos finden und krankt an seiner pathetischen Überdramatisierung, einen aufwühlenderen Film als Hotel Mumbai gab es in diesem Jahr aber bisher kaum zu sehen. Vorausgesetzt natürlich, man ist bereit, sich dem freiwillig auszusetzen. 

 

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Janick Nolting
09.09.2019 - 21:16
  Kultur

HOTEL MUMBAI

Regie: Anthony Maras

Laufzeit: 123 Minuten

FSK 16

Heimkinostart auf DVD und Blu Ray am 25. Oktober 2019.

 

Der Film feierte seine Deutschlandpremiere im Rahmen des Fresh Blood Awards auf dem 33. Fantasy Filmfest.

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