Filmkritik

High Life: Ein Laborversuch im Kino

Die französische Arthouse-Ikone Claire Denis kehrt mit einem packenden Science Fiction - Albtraum zurück. In "High Life" wird eine Gruppe Strafgefangener am Ende von Raum und Zeit mit den eigenen Abgründen konfrontiert.
Szene aus "High Life"
Robert Pattinson überzeugt in der Hauptrolle.

Zwischen schwerelos umhertreibenden Körpern taucht der Filmtitel aus der Schwärze des Weltalls auf. Ein kurzgeschorener Robert Pattinson hat seine toten Kolleginnen und Kollegen kurz zuvor entsorgt und aus der Schleuse der Raumkapsel in die Weiten des Universums geworfen. Zunächst herrscht also Rätselraten, was sich in diesem Raumschiff zugetragen hat, das jetzt nur noch von dem von Ex-Twilight-Vampir Pattinson gespielten Monte und dessen Baby Willow bewohnt ist. Wer immer noch an den schauspielerischen Fähigkeiten des jungen Mannes zweifelt, wird hier  staunen: Allein in dem 17 Minuten langen Prolog, der uns den trostlosen Alltag im All zwischen Reparaturen am Raumschiff, Körperhygiene, Nahrungszubereitung und Versorgung des Babys vorführt, zieht er einen enorm in seinen Bann. Gemeinsam mit einer Gruppe weiterer Strafgefangener wurde der kriminelle Monte auf eine Mission geschickt, um Energiequellen im All ausfindig zu machen. Entweder Todestrakt oder Weltall? Zurückkehren soll niemand von ihnen.

In unserer Videokritik erfahrt ihr, warum man sich "High Life" unbedingt im Kino anschauen sollte:

Fulminantes Spätwerk

Mit über 70 Jahren widmet sich die französische Regisseurin Claire Denis hier dem Science Fiction - Film und zeigt dem Rest der Branche noch einmal, wie man dieses Genre anspruchsvoll nutzen kann. High Life siedelt sich fernab jeglicher Mainstream-Streifen an und ist mit einer konsequenten Entschleunigung und gleichzeitig einer Intelligenz erzählt, die man in ähnlichen Vertretern selten so findet. In diesem Weltraum-Kammerspiel braucht es weder schleimige Monster noch große Explosionen, um die Spannung und die unbehagliche Atmosphäre dauerhaft hoch zu halten. Bei Claire Denis begegnen die Menschen in dieser lebensfeindlichen Umgebung keinen Außerirdischen, sondern in erster Linie sich selbst, ihren inneren Dämonen und ihrer eigenen Physis. Es ist großartig, wie die Regisseurin es versteht, diese ungeschönte Körperlichkeit in ihrer wenig zimperlichen Auseinandersetzung mit Sexualität und Gewalt einzufangen! Wie sie ganz nah herangeht an die Haut ihrer Figuren, an Narbengewebe, an Haare, an das Blut, das aus den Wunden quillt. Aber auch an jegliche andere Körperflüssigkeiten, die sich hier wortwörtlich über den Boden ergießen.

Triebhafte Isolationshaft

Mit an Bord des Raumschiffes, das von außen wie ein hässlicher Blechkasten und von innen wie eine Mischung aus Krankenhaus und Gefängnis aussieht: Juliette Binoche als sogenannte "Sperma-Schamanin", eine irre Forscherin (oder eine Hexe?), die zwielichtige Fortpflanzungs-Experimente mit den Gefangenen durchführt.

High Life
Juliette Binoche als irre Wissenschaftlerin

Die beklemmenden, mystisch leuchtenden und wunderbar in Szene gesetzten Räumlichkeiten lassen kein Entkommen zu. Einziger Fluchtpunkt ist eine kleine Gartenanlage im Raumschiff, die die Gefangenen wie Mönche in einem Kloster beackern und über Enthaltsamkeit philosophieren. Auf engstem Raum brodeln in High Life zwischenmenschliche Krisen und die bloßen Triebe, die bei Bedarf in einer sogenannten "Fuckbox" auf einer mechanischen Sexmaschine befriedigt werden können. Wenn Juliette Binoche im ersten Drittel des Films davon Gebraucht macht und auf einem Metalldildo in Ekstase gerät, hat das etwas von einem dunklen Ritual, einem Hexentanz und gehört zu den verstörendsten, aber auch beeindruckendsten Szenen, die das Kinojahr 2019 bisher zu bieten hatte. Ein Wunder, dass High Life in seinen expliziten Bildern dabei weder in bloße Obszönität noch plumpen Trash abrutscht. Vielmehr forscht Regisseurin Claire Denis nach einer Ästhetik des Natürlichen und findet sie.

Rätselhaftes Machwerk

Bei High Life schimmern im Kern Regisseure wie Kubrick, Tarkowski, Scott, Nolan und Lynch durch und doch hat die Regisseurin ein ganz eigenes Werk kreiert. Massentauglich ist das alles weniger und wer nicht etwas Lust am Interpretieren mitbringt, dürfte diesen Arthousefilm wahrscheinlich zu prätentiös finden.

High Life
Diese Mission schlägt fehl

Was sollte auch Sinn ergeben? Die Experimente? Die Sexualität? Die Masturbation? Das Sterben? Muss die menschliche Natur immer einem Sinn folgen? High Life geht es weniger um das Erzählen als eher um das Darstellen. Man ist danach nur bedingt schlauer, was einem die Regisseurin in dieser äußerlich atemberaubenden Verpackung an Inhalt versteckt hat. Mitreißend ist sie dennoch. Denis blickt wie in einem Labor auf ihre Versuchsanordnung, ohne dass das Publikum jemals eine Ahnung hat, was als nächstes passieren wird. Dafür ist die Erzählweise zwischen den verschiedenen Zeitebenen zu sprunghaft und elliptisch, lässt vieles im Unklaren und Rätselhaften. Alle Wege führen letztlich ins schwarze Loch, egal, wieviel man von dem vorher Gesehenen verstanden hat. Man möchte am liebsten noch einmal an den Anfang zurückspringen, um neue Dinge in diesem abgefahrenen Sci-Fi-Gedankenspiel zu ergründen. Zum Schluss öffnet sich die Leinwand in einem Lichtstrahl.

Ein leuchtender Film in dem ansonsten bisher dunklen Kinojahr.

 

 

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High Life

Kinostart: 30. Mai 2019

Regie: Claire Denis

Drehbuch: Claire Denis, Geoff Cox, Nick Laird und Jean-Paul Fargeau

FSK 16

Laufzeit: 113 Minuten

Cast: Robert Pattinson, Juliette Binoche, Mia Goth, Lars Eidinger und weitere