Theaterrezension

Im Korsett der Langeweile

Eine von Langeweile zerfressene Frau, die binnen eines Tages Leben zerstört. Das ist die Protagonistin Hedda Gabler des gleichnamigen Stückes von Henrik Ibsen. An den Cammerspielen in Leipzig kommt durch Falko Köpp ein alter Stoff in neue Gewänder.
Hedda Gabler
Hedda Gabler ist sichtlich gelangweilt.

Der Blick fällt mitten in ein bürgerliches Wohnzimmer mit schummriger Beleuchtung. Die antiken Möbel darin sind alle in Plastikfolie gewickelt. Es erweckt den Eindruck, als wolle jemand das Mobiliar heute noch von seinem Korsett befreien.

Unendliche Langeweile

In einem Korsett der Langeweile scheint auch Hedda Gabler nach der Hochzeitsreise mit ihrem Mann Jörgen Tesman gefangen. Völlig in die Wissenschaft und die Arbeit an seinem neuen Buch vertieft, verliert er gänzlich den Blick für seine von unendlicher Langeweile geplagten Frau Hedda. Sie hält es nicht mehr aus mit diesem Fachmensch Tesman, der von früh bis spät von Kulturgeschichte redet. In diese Einöde bricht schon bald Heddas frühere Liebe Ejlert Lövborg und ihre alte Schulkameradin Fräulein Elvsted, die Lövborg nicht nur mit seinem neuen Buch hilft, sondern ihn auch gezielt umwirbt, um ihrer eigenen Ehe zu entfliehen. Gelangweilt vom Leben und inspiriert vom Tod spinnt Hedda schließlich ein Netz von Intrigen, dessen Ende für einige tödlich sein soll.

Mut zur Modernisierung

Von Henrik Ibsen im Jahr 1890 veröffentlicht, wagt Regisseur Falko Köpp einen gekonnten Spagat, indem er diesen Stoff subtil in die heutige Zeit holt. Während Szenerie und Kostüme im 19. Jahrhundert verharren, wird Hedda kurzum mit Hoody, Jogginghose und Smartphone ausgestattet. Damit veröffentlicht sie alles, was ihr nur einiger Maßen aufregend erscheint, auch Eindrücke des kurzen Stelldicheins mit dem Anwalt Brack. Der wiederum kokst sich anfallsartig die Nase zu, um fit für die nächste Party zu sein. Vor der Pause kriegt das Publikum dann durch eine Videoprojektion auch Eindrücke der ausgelassenen Party zu sehen. Nicht ganz ohne Heddas Zutun bekommt Lövborg, seines Zeichens Alkoholiker, einen Rückfall und das Drama nimmt seinen Lauf.

Eine gute Portion Humor

Die Auswahl des Ensembles bei diesem Stück ist treffsicher, alle Darstellenden fügen sich harmonisch in die angelegten Rollen ein. Trotz kleinerer Nervosität überzeugen alle Ensemblemitglieder mit ihrer schauspielerischen Leistung. Besonders hervorzuheben ist dabei Damian Reuter, der als Anwalt Brack sein Pokerface stets zum richtigen Zeitpunkt abzunehmen weiß, ohne dabei sein Gesicht zu verlieren. Aber auch der betriebsblinde Jörgen Tesman gespielt von Hans Klingner, entlockt dem Publikum mit seinem ungezwungen tapsigen Auftreten oft den ein oder anderen Lacher und bereichert so die durchaus komödiantisch aufbereitete Inszenierung, die dem Drama oft die Schärfe nimmt.

Ideenreiche Inszenierung

Durch kleine Details gelingt es Falko Köpp in dieser Inszenierung, den Bezug zur Gegenwart herzustellen und das Stück auf elegante Weise zu modernisieren. Das äußert sich auch im regen Einsatz von körperbezogenen und wortlosen Formen der Komik in der Inszenierung von Rollen, wie dem Anwalt Brack oder Jörgen Tesman. Sie nehmen dem Stoff auf Dauer ein wenig die Schwere, die sich in den entscheidenden Momente jedoch wieder in den Darstellenden spiegelt. Insgesamt eine schauspielerisch ideenreiche Inszenierung, die einen Besuch Wert ist.

Die Rezension zum Nachhören:

Moderatorin Sophie Rauch mit Redakteurin Anna Hoffmeister
Hedda Gabler

 

 

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Hedda Gabler

Premiere: 27. Februar 2019

Spielort: Cammerspiele Leipzig

Regie: Falko Köpp

Dramaturgie: Christoph Awe

Darstellende:

Damian Reuter als Anwalt Brack

Didi Voigt als Berte

Emma Siegel als Hedda Gabler

Fabian Reichenbach als Ejlert Lövborg

Hans Klingner als Jörgen Tesman

Natalie Tepper als Thea Elvsted

Aufführungstermine:

2. Mai 2019

3. Mai 2019

4. Mai 2019

5. Mai 2019