Berlinale 2019

Ghost Town Anthology: Wintergeister

Einer der ungewöhnlichsten Wettbewerbsbeiträge der 69. Berlinale kommt aus Kanada. In "Ghost Town Anthology" wird ein Dorf von Gespenstern heimgesucht.
Szene aus "Ghost Town Anthology"
Im Dorf passieren seltsame Dinge.

Man muss ja schon froh sein über jeden Film, der im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele Berlin nicht mit politisch korrektem Drama Geschlechterfragen und politische Krisen verhandelt. Neben Fatih Akins Ekelshow Der Goldene Handschuh hat sich aus Kanada nun ein weiteres Genrewerk in den Wettbewerb eingeschlichen, das sich ins Sonderbare und Unheimliche wagt. Da sitzt man nun also um 8.30 Uhr am Morgen im Berlinale Palast und darf mit diesem Arthouse-Grusler in den Tag starten.

Regisseur Denis Côté eröffnet sein unterkühltes Wintermärchen mit einem Blick auf eine Landstraße. Von weitem nähert sich ein Fahrzeug, bevor es krachend gegen eine Wand prallt. Der Fahrer, ein junger Mann namens Simon, verstirbt bei dem Unfall. Zwei kleine Gestalten mit unheimlichen Masken nähern sich dem Auto. Sie werden noch öfter im Film auftauchen. Als tricksterhafte Figuren, die auf dem schmalen Grat zwischen Diesseits und Jenseits wandeln, bevor sich beide Welten in diesem Film vermischen. Das nahegelegene Dorf Irénée-les-Neiges wird sich nach dem Todesfall drastisch verändern.

Ein Trauerspiel

Diese Ghost Town Anthology braucht in den reichlich 90 Minuten allzu lang, bevor sie zum Kern der Sache vordringt, und dennoch ist man danach minimal schlauer als zuvor. Da müssen zunächst jede Menge Schuldfragen geklärt werden, die doch unbeantwortet bleiben. War es Selbstmord? War es Mord? Was empfindet die restliche Dorfbevölkerung wirklich über den verstorbenen jungen Mann?

Szene aus "Ghost Town Anthology"
Hat die Dorfbevölkerung etwas zu verbergen?

Man will den Alltag bestreiten wie bisher, einfach so tun als sei nie etwas passiert. Doch in der Abgeschiedenheit tauchen schließlich die Geister des Vergangenen auf und wollen so schnell nicht wieder verschwinden.

Diese Heimsuchung gelingt diesem Film immerhin in beeindruckender Optik. Ghost Town Anthology wurde auf 16mm - Film gedreht, die grobkörnigen, surreal entrückten Bilder der verschneiten Einöde, in der die Toten umherwandeln, lassen frösteln. Wobei "umherwandeln" eher übertrieben ist. Starr und regunglos stehen die Verstorbenen hier plötzlich auf der Straße, auf dem Feld, vor dem eigenen Haus. Niemand weiß, was sie fordern oder warum sie erschienen sind. Dass es sich hier nicht um einen standardmäßigen Horrorstreifen handelt, dürfte klar sein, denn wir sprechen immer noch über den Wettbewerb der Berlinale. Hier wird vor allem geredet. Viel geredet, ohne dass dabei so wirkliche Substanz hervortritt. Wenn sich dieser Gespensterreigen dann doch einmal in Genregefilde vorwagt, bleibt es zu seicht und träge, um wirklich Angst einzujagen. 

Jede Menge Fragen

Was will dieser Film also von seinem Publikum, das weder mit richtigem Drama noch mit furchteinflößendem Horror für die Geduld bei dem äußerst entschleunigten Erzähltempo belohnt wird? Wo ist das Politische, das die Berlinale versprochen hat? Geht es hier wirklich nur um Aufrichtigkeit und die Verdrängung der eigenen und der kollektiven Schuld? Geht es um das Sterben des Ländlichen? In seiner Versuchsanordnung gipfelt Ghost Town Anthology in einem finalen, abstrusen Pasolini - Zitat.

Szene aus "Ghost Town Anthology"
Ein Medium im Dor

 

Kurzzeitig drängt sich tatsächlich ein Vergleich zu dessen Film Teorema (1968), auf in dem ein übersinnlicher Gast ein ganzes gesellschaftliches Gefüge in dessen Leere entlarvt. Von einer solchen Komplexität ist Ghost Town Anthology jedoch weit entfernt. Zieht man aus dem Spukhaus wieder aus oder stellt man sich der anderen Welt? Es bleibt nach den 90 Minuten bei der plumpen Erkenntnis, dass da noch irgendetwas anderes existiert, das über uns wacht oder eben uns heimsucht. Wer nicht selbst für das Übersinnliche empfänglich ist, wird die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Am Ende dieses rätselhaften und hermetisch abgeriegelten Film legt sich der Nebelschleier nicht nur über das Geisterdorf - er legt sich auch über die unverständliche Geschichte.

Fazit

Ein rätselhafter Wettbewerbsbeitrag der 69. Berlinale, der atmosphärisch punktet, aber erzählerisch verloren wirkt.

 

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"Ghost Town Anthology" feiert seine Weltpremiere im Wettbewerb der 69. Internationalen Filmfestspiele Berlin.

Regie und Drehbuch: Denis Côté

Laufzeit: 96 Minuten

Cast: Robert Naylor, Josée Deschênes, Jean-Michel Anctil und andere

gedreht auf 16 mm