Frisch Gepresst: Yeasayer

Classic Rock für die Zukunft

Auf „Erotic Reruns“ mischen Yeasayer den abgedrehten Sound früherer Alben mit klassischen Pop-Schemata. Inhaltlich scheuen sie auch vor politischen Themen nicht zurück.
Gruppenbild
Yeasayer - "Erotic Reruns"

"Middle-Eastern-Psych-Pop-Snap-Gospel". So bezeichneten Yeasayer selbst einmal ihre Musik. Der wilde Genre-Mix tritt auf dem neuen Album "Erotic Reruns" ein wenig in den Hintergrund. Damit entsteht aber auch neuer Platz für Pop-Grooves und eingängige Refrains.
Das wird schon in dem Opener des Albums bemerkbar. Auf "People I Loved" bedauert Leadsänger Chris Keating seinen schroffen Umgang mit Freunden und Familie. Von Reue und Trauer ist in dem Song aber wenig zu hören. Es drängt sich sogar eher der Begriff "Feel-Good-Indie" auf. Dafür liefert der Song aber einen durchaus tanzbaren Refrain.

You, You, You

Außerdem wird hier ein weiteres Merkmal etabliert, welches sich durch den Rest des Albums zieht. Alle Songs richten sich an ein nicht genau definiertes "You". Man könnte meinen, die Texte sprächen die Hörenden persönlich an. Manchmal singt Keating dann aber doch über Romanzen und "Babys".

I'm ecstatic, baby, when I'm with you
I’m spinnin’ circles, jumpin' over the moon

 

Politische Botschaften im Zuckermantel

Eine Ausnahme stellt "24-Hour Hateful Live!" dar. Hier wird keine andere Person angesprochen. Stattdessen richtet sich der Blick nach innen. Keating berichtet darüber, wie er unter den ständigen negativen Politikschlagzeilen leidet. Dabei hat er die Schuldigen für sein Leid bereits ausgemacht: Sarah Sanders, Stephen Miller und Andrew Wheeler. Alle drei sind Mitarbeitende der Regierung unter Donald Trump. Diese plötzliche Direktheit schärft die politische Aussagekraft des Albums.

Drogen gegen Trumps Einsamkeit

Weniger ersichtlich wird der politische Anspruch in "Blue Skies Dandelions". Hier wird erst auf den zweiten Blick klar, dass der Song sich an Donald Trump selbst richtet. Auf kryptische Art und Weise erzählt Keating über sein Bedürfnis dem Präsidenten aus der Einsamkeit zu helfen. Zum Beispiel durch den Bau eines Pyramidengrabes oder die Verabreichung psychedelischer Drogen.

Die musikalische Gestaltung des neuen Albums beschrieb die Band selbst so:

We were jokingly calling this our classic rock record at one point, referencing The Turtles or the Stones or Fleetwood Mac.

Chris Keating gegenüber Community Promotion

Von Classic Rock ist auf "Erotic Reruns" nichts zu hören. Vor dem Hintergrund früherer Alben lässt sich die Aussage aber dennoch nachvollziehen. Auf dem neuen Album haben Yeasayer ihren Sound auf das Wesentliche reduziert. Frühere Einflüsse der Weltmusik sind einem selbstbewussten Groove gewichen, der an den Funkrock der 70er und 80er Jahre erinnert.

Auf dem Vorgängeralbum "Amen & Goodbye" hatten Yeasayer noch mit anderen Künstlern zusammengearbeitet. Die neuen Songs wurden nun aber wieder ausschließlich durch das Kerntrio der Band erarbeitet. Das könnte auch der Grund für den fokussierteren Klang der neuen Musik sein.

Fazit

Mit "Erotic Reruns" haben Yeasayer politische Botschaften im Zuckermantel grooviger Pop-Songs verpackt. Weitgehend ist das sehr gut gelungen, nur manchmal klingen in den Refrains altbekannte Pop-Platitüden durch. Insgesamt hat es die Band aber geschafft, ihren experimentellen Sound mit klassischen Songstrukturen zu verbinden und trotzdem interessant und sogar überraschend zu bleiben.

 

 

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Yeasayer: Erotic Rerurns

Tracklist:

1. People I Loved
2. Ecstatic Baby
3. Crack a Smile
4. Blue Skies Dandelions
5. Let Me Listen in on You
6. I’ll Kiss You Tonight
7. 24-Hour Hateful Live!
8. Ohm Death
9. Fluttering in the Floodlights

Erscheinungsdatum: 07.06.2019
Yeasayer Records