Theater

Faust im Schauspiel Leipzig

Die Spielzeit 2018/19 wird am Leipziger Schauspiel mit einem echten Mammutprojekt eröffnet. Auf dem Programm steht Goethes "Faust". Beide Teile an einem sechs stunden langen Abend, der die Grenzen des Theaters sprengen will.
Szene aus "Faust"
Der Getriebene auf der Drehscheibe

ICH ICH ICH ICH ICH. Die neue Spielzeit am Schauspiel Leipzig dreht sich vollkommen um das Individuum und dessen Zusammenspiel mit der Gesellschaft. Zum Auftakt inszeniert Intendant und Regisseur Enrico Lübbe Goethes Faust als Fallbeispiel des modernen Menschen, der sich mit seiner Situation in der Gesellschaft überfordert fühlt. "Weiter, weiter!",

Szene aus "Faust"
Ein Chor singt den Osterspaziergang

tönt es zu Beginn des Abends aus allen Lautsprechern, während Faust, gespielt von Wenzel Banneyer, auf der Bühne immer wieder zusammenbricht. Faust ist ein Getriebener. Ein älterer Mann, der am Ende seines Lebens steht und zutiefst unzufrieden ist. Der sich fragt, was er als Mensch noch hoffen darf und was die Gesellschaft von ihm verlangt. Fausts Sinnsuche spielt sich auf einer riesigen, verspiegelten Drehscheibe ab. Diese befindet sich die meiste Zeit in Schräglage, kann bei Bedarf nach oben gefahren werden und die Charaktere in schwindelerregende Höhen befördern. Über dieses drehende, dunkle Ungetüm stolpert nun Lübbes Faust, angetrieben von Sorge, Mangel, Not und Schuld, die hier als gespaltene Teile seiner Selbst auftreten. So viel sei gesagt: Der Faust - Text von Goethe ist in dieser Inszenierung kaum wiederzuerkennen und das dürfte weite Teile des Publikums eher vor den Kopf stoßen.

Kaum wiederzuerkennen

Enrico Lübbe ist nicht daran interessiert, das Drama auf klassische Art und Weise auf die Bühne zu bringen. Das ist im Jahr 2018 auch nötig, um das berühmteste deutschsprachige Theaterstück, ins Hier und Jetzt zu holen, schießt aber gleichzeitig etwas über das Ziel hinaus. Vom Originaltext sind hier nur noch wenige Zitate und fragmentarische Szenen geblieben. Stattdessen tritt ein (zugegebenermaßen bestens aufgelegter) Chor auf, der deutsche Weisheiten wie "Seit das Deutsche Reich besteht, wird das Gewinde rechts gedreht." skandiert. Einen Mephisto gibt es in dieser Inszenierung nicht. Das Elend ist hier rein menschlicher Natur. Platz für Übersinnliches bleibt da nicht, stattdessen die reine Psychologie im Kampf von Es, Ich und Über-Ich. Leider besitzt Lübbe nicht den Mut, sich komplett von der Vorlage zu lösen, sondern versucht trotzdem, zumindest das grobe Gerüst der Geschichte auf die Bühne zu bringen. Am Ende werden sowohl Gelehrten- als auch Gretchentragödie nur angedeutet und ergeben mit dem schwammig dargebotenen Gesellschaftsportrait ein eher unausgegorenes Gesamtbild. Das ist zu sperrig und überambitioniert geraten, um in zwei Stunden irgendeine emotionale Schlagkraft zu entwickeln.

Raus aus dem Theater

Der Tragödie erster Teil wird ganz klassisch auf der großen Bühne des Schauspiels aufgeführt und der Auftakt dieses sechsstündigen Abends enttäuscht leider insgesamt, trotz seiner gewagten Herangehensweise. Nach einer Pause folgen 40 Minuten humorvolles Puppenspiel, das zweifellos den Höhepunkt des Abends darstellt. Nach so viel düsterer

Szene aus "Faust II"
Ein Puppenspiel eröffnet den zweiten Teil

Sinnsuche darf endlich mal befreit gelacht werden. Hier tritt Goethe in gleich drei Altersstufen auf und liefert sich einen Schlagabtausch mit seinen Vertrauten Luise von Göchhausen und Johann Peter Eckermann. Wahrscheinlich braucht es genau diesen grotesken Humor, um sich dem monströsen Faust II zu widmen, der in seiner ursprünglichen Fassung sowieso jegliche Grenzen des Inszenierbaren sprengt. Enrico Lübbe hat eine spannende und originelle Möglichkeit gefunden, diese Themensammlung auf die Bühne zu bringen. Nach dem Zwischenspiel wird das Publikum raus in die Stadt geschickt. Im Vorfeld müssen sich alle für eine Thementour entscheiden, die sich um die Erfindung des Geldes, posthumane Schöpfungsträume und Umsiedlung drehen. So führen diese Touren in die Alte Handelsbörse, den Anatomiesaal des Universitätsklinikums und das Völkerschlachtdenkmal. Leider wirken diese Ausflüge eher wie kurze Museumstouren, die ihre jeweiligen Themen nur oberflächlich anschneiden können.

Zurück im Theater - zu dieser Zeit ist es bereits nach 23 Uhr - folgt schließlich noch das Ende von Faust II. Auch hier wird nur ein Konzentrat des Textes auf die Bühne gebracht, das wie der erste Teil des Abends eher kalt lässt. Faszinierend ist hingegen Lübbes beinahe rituelle Auslöschung des Faust-Textes. Goethes Worte werden hier hinterfragt und schließlich aufgelöst, um das Wahrhafte, Universale dahinter zu ergründen. Der Text verschwindet immer wieder von einer Leinwand und in der wohl eindringlichsten Szene, dem Studierzimmer, stammelt Faust nur noch einzelne Konsonanten vor sich hin, bis der Speichel aus dem Mund läuft. Die innersten Regungen lassen sich eben auch nicht mit Worten äußern, mögen diese noch so kunstvoll sein.

Fazit

Faust I+II ist ein ambitioniertes Großprojekt und eine beachtliche Ensembleleistung. Leider versucht sich Enrico Lübbe an zu vielen Problemen des Stoffes und verfremdet insbesondere den ersten Teil des Stückes so sehr, dass der Zugang zu ihm schwerfällt. Ein Abend, der jede Menge Denkanstöße liefern will, aber dabei an Intensität und Schauwerten vermissen lässt. So bleibt am Ende dieser Spielzeiteröffnung ein eher ernüchternder Gesamteindruck.

 

Eine zweite Meinung zum Stück gibts hier:

Faust Rezension von Moritz Lünenborg
SG Faust Moritz Lünenborg

 

 

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FAUST I+II

Regie: Enrico Lübbe

Premiere: 29.09.2018

Spieldauer: ca. 6 Stunden (mit Pausen)

Bühne: Etienne Pluss

weitere Aufführungen von beiden Teilen am 05., 06., 20. und 21. Oktober

"Faust I" wird in den folgenden Monaten auch einzeln aufgeführt