Kino

THE LODGE eröffnet 33. Fantasy Filmfest

Die beiden Filmschaffenden Veronika Franz und Severin Fiala haben bereits mit "Ich seh, Ich seh" für Aufsehen gesorgt, nun darf ihr heiß erwarteter zweiter Kinofilm das 33. Fantasy Filmfest eröffnen.
Fantasy Filmfest 2019
"The Lodge" ist der Eröffnungsfilm beim 33. Fantasy Filmfest

Die Mischung machts, sagt Frederike Dellert, eine der drei Führungskräfte des Fantasy Filmfest, bei der Eröffnung der mittlerweile 33. Ausgabe von Deutschlands größtem Genre-Festival. Nachdem sich das Filmfest in den vergangenen Jahren meist als eine Art Best Of der großen Festivals der Welt präsentiert hat, fehlen in diesem Jahr zugegeben einige große Namen, die man sich im Programm gewünscht hätte, insbesondere aus dem jüngsten Cannes-Jahrgang. Robert Eggers beispielsweise, der Regisseur des Hexenhorrors The Witch, wurde an der Croisette bejubelt für seinen neuen Grusler The Lighthouse. Von ihm fehlt aber jede Spur, ebenso von dem Cannes-Gewinner Parasite, der perfekt ins Programm gepasst hätte, oder auch Provokateur Gaspar Noé, dessen Drogentanzfilm Climax 2018 noch groß beim Fantasy Filmfest seine Deutschlandpremiere feierte. Dass dem Festival einmal mehr besagte verblüffend vielfältige Mischung gelungen ist, lässt sich hingegen nicht bestreiten.

Großes Kino aus Asien

An 12 vollen Tagen ist vom anspruchsvollen Arthouse über blutrünstige Horrorfilme bis zum bildgewaltigen Actionfilm alles dabei. Bedingung ist nur: Hauptsache abgefahren, herausfordernd, andersartig! Darunter sind erneut unzählige Geheimtipps, die ansonsten nie auf der großen Leinwand gezeigt werden, es aber unbedingt verdient hätten.

Light of My LIfe
Casey Affleck

Groß auftrumpfen wird zum Beispiel das asiatische Kino. Gleich sieben Filme aus Asien haben es ins Programm geschafft, darunter der unglaubliche 103. Film von Takashi Miike und vielleicht ist das ein kleiner Trost, dass es der überragende Parasite nicht aufs Filmfest geschafft hat. Eine Plattform für Experimente ist das einmal mehr geworden, wie zum Beispiel für den Geisterfilm It Comes, der als Director´s Spotlight gezeigt wird, oder Jessica Hausners Horrorpflanzen-Groteske Little Joe, das Centerpiece und damit Herzstück des Festivals.

Aber es ist auch ein Programm der leisen Töne. Casey Afflecks bereits im Vorfeld heiß diskutierter Light of my Life ist mit dabei, der zuvor bereits bei der Berlinale gezeigt wurde. Die Dystopie des Oscar-Preisträgers über eine Welt, in der alle Frauen aussterben, entpuppte sich jedoch schon damals weitaus weniger reißerisch als gedacht, sondern vielmehr als stille Momentaufnahme über einen Vater und seine Tochter und vor allem über das Geschichtenerzählen. Stark gespielt von Casey Affleck!

Wer sich auf dem Festival hingegen mal wieder gepflegt gruseln will, für den gibt´s unter anderem den angeblich ersten Horrorfilm aus Tunesien. In Dachra werden ein paar Dokumentarfilmer in einer abgelegenen Gemeinde mit üblem Hexenzauber terrorisiert. Lässt Potential liegen, hat aber einige ziemlich unheimliche Szenen in petto! Auch der Abschlussfilm verspricht hochkarätige Gänsehaut: Scary Stories To Tell In The Dark über ein verfluchtes Kinderbuch ist das Gemeinschaftsprojekt von Star-Regisseur Guillermo del Toro und Nachwuchstalent Andre Ovredal, der beim Fantasy Filmfest schon mit The Autopsy of Jane Doe für schlaflose Nächt gesorgt hat.

Zum Auftakt ein Downer

Grusel gibt´s auch schon zu Beginn! Eröffnet wird das 33. Fantasy Filmfest von The Lodge, einem Werk zum Auftakt, das es in sich hat. Wo im Vorjahr noch Partystimmung im Kinosaal herrschte, wenn Nicolas Cage in Mandy die Kettensäge auspackte und gegen die "Jesus-Freaks" zu Felde zog, ist The Lodge ein echter Schlag in die Magengrube. Nachdem das Regie-Duo Franz-Fiala 2014 bereits mit Ich seh, ich seh einen äußerst unbequemen Schocker vorgelegt hat, ist auch dieses zweite Werk ein Frontalangriff auf die Vorstellung einer familiären Idylle. Da gerät einmal mehr ein Geschwisterpaar mit der neuen Mutter aneinander. Wieder äußerst düster, wieder rätselhaft und uneindeutig, aber durchweg packend.

The Lodge
The Lodge

In einer eingeschneiten Waldhütte verliert hier eine Familie offenbar nach und nach den Verstand. Die Kinder hassen ihre neue Mutter, sie hingegen muss ihre traumatische Sektenvergangenheit aufarbeiten. Das bedient sich manchmal etwas dreist bei Filmen wie Hereditary oder The Killing of a Sacred Deer, ist aber in seiner Stilsicherheit ganz großes Psycho-Kino.

Ein altmodischer Slowburner (die Hammer-Studios haben produziert!), der manchmal fast etwas zu langsam vorankommt. Wenn zum dritten Mal durchs dunkle Holzhaus geschlichen wird und wieder nichts passiert, dann sorgt das irgendwann für ein Sicherheitsgefühl, das dem Horrorfaktor natürlich schadet. Spätestens im Finale ziehen Franz und Fiala aber wieder alle Register des Schrecklichen und liefern einige der intensivsten Filmminuten seit langem. Selbst wer sich zwischendurch etwas gelangweilt fühlt, kann man sich immer noch an der schrecklich schönen Optik ergötzen. Mit beklemmenden Puppenhausaufnahmen, weiten Aufnahmen von verschneiten Feldern und dunklen Ecken, in die man sich selbst lieber nicht hineintrauen würde. Gedreht auf 35 Millimeter. Fast wie ein Homevideo sieht das mitunter aus. Eines, das man lieber wegschließen sollte, inklusive fiesem Twist. Albtraumgefahr! Ein schwer verdaulicher, aber starker Auftakt für das Festival.

 

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Janick Nolting
05.09.2019 - 13:53
  Kultur

Das 33. Fantasy Filmfest findet in sieben deutschen Städten statt.

BERLIN: 04.-15.09.2019

FRANKFURT: 05.-15.09.2019

HAMBURG: 19.-29.09.2019

KÖLN: 12.-22.09.2019

MÜNCHEN: 11.-21.09.2019

NÜRNBERG: 19.-29.09.2019

STUTTGART: 12.-22.09.2019

mephisto 97.6 ist in Berlin vor Ort und berichtet regelmäßig über das Festivalprogramm.

 

THE LODGE startet voraussichtlich im Winter 2020 regulär in den deutschen Kinos.