Literaturrezension

Form vollenden

Sockcho ist eine kleine südkoreanische Hafenstadt, unweit der Grenze zu Nordkorea. Während hier im Sommer der Tourismus blüht, verirren sich im Winter kaum Gäste in die Provinz. Von einem, der bewusst nach Sockcho flüchtet, erzählt dieser Roman.
Winterküstenlandschaft
Winterküstenlandschaft

Ein hoher Aussichtsturm im Stadtzentrum, ein kleiner Hafen und ein angeschlossener Fischmarkt. Viel mehr hat Sockcho eigentlich nicht zu bieten. Vor allem im Winter ist hier nichts los. Auch in der Pension des alten Herrn Park gibt es zu dieser Jahreszeit kaum Gäste. Währenddessen sucht ein französischer Künstler aus der Normandie ausgerechnet Sockcho auf, um Ruhe und Inspiration zum Zeichnen zu finden. Er mietet sich bei Park ein.
Seine junge Angestellte ist in Sockcho aufgewachsen und träumt insgeheim davon, hier einmal raus zu kommen. Sie führt als Ich-Erzählerin durch die Handlung.

Mit der Ankunft des neuen Gastes lernen sich die beiden Hauptfiguren des Romans kennen.

„Sie sind also Franzose.“
„Aus der Normandie.“ (...)
„Sie kennen die Normandie?“
„Ich habe Maupassant gelesen...“ (...)
„Und wie finden Sie es da?“ (...)
„Schön...etwas trist.“
„Meine Normandie ist nicht mehr die von Maupassant.“
„Vielleicht. Aber sie ist wie Sockcho.“

(...) Er würde Sockcho niemals kennen wie ich. Man konnte nicht vorgeben, diesen Ort zu kennen, die Gerüche, die Tintenfische. Die Einsamkeit.

Ein Winter in Sockcho, S. 18

Europa trifft Asien

Ihren Roman „Ein Winter in Sockcho“ präsentiert Elisa Shua Dusapin in Form kurzer überschriftsloser Kapitel.

Wie ihre Protagonistin hat auch die Autorin sowohl asiatische als auch europäische Wurzeln. Tochter eines französischen Vaters und einer südkoreanischen Mutter, flicht sie beide Kulturen in ihre Erzählung ein.

Das enge Verhältnis der Hauptfigur zur Mutter entspricht den traditionellen Familienvorstellungen in der südkoreanischen Provinz. Als Kind einer einfachen Fischhändlerin wuchs sie wie selbstverständlich mit dem Umgang mit Lebensmitteln auf. In ihrem Beruf in der Gastwirtschaft kommt ihr das zugute. So gibt nicht nur die Figur die koreanische Kultur an ihre Gäste weiter, indem sie ihnen heimische Gerichte serviert. Auf einer weiteren Ebene vermittelt die Autorin der Leserschaft ein wenig Länderkunde: In einem Glossar am Ende des Buches erklärt sie die fremdsprachlichen Namen einzelner Zutaten.

Der Einfluss europäischer Kultur bricht sich vor allem im Kontakt mit dem Gast aus Frankreich Bahn.

Er hatte die Halbpension bezahlt, kam aber nie zum Essen. Die koreanischen Gerichte schmeckten ihm offenbar nicht. Am Vortag hatte ich ihm gesagt, ich würde Nudeln mit Sahnesoße kochen, nach französischem Rezept. Er war dennoch nicht gekommen (...). Ich hatte beschlossen, mir keine Mühe mehr für einen Ausländer zu machen, dem die hiesige Küche nichts galt.

Ein Winter in Sockcho, S. 31

Suche nach der eigenen Linie

Die Kommunikation mit dem eigenwilligen Gast ist nicht einfach. Und doch findet die Ich-Erzählerin einen Zugang zu ihm. Bei ihren Routine-Besuchen seines Zimmers kommt sie mit seinen privaten Dingen buchstäblich in Berührung. Sein Beruf ist es schließlich, den Elisa Shua Dusapin wählt, um die beiden sehr unterschiedlichen Charaktere zueinander zu bringen. Beschreibt sie doch immer wieder Szenen, in denen das Zeichnen eine zentrale Rolle spielt. Den Künstler bei seiner Arbeit zu beobachten, wird der Pensionsangestellten zunehmend zur Gewohnheit.

[Er h]atte das Porträt einer Frau gekritzelt, die Brüste nackt, die Füße halb verdeckt unter der Rundung einer Pobacke. (...) Nachdem er die Umgebung mit dem Bleistift fertig gezeichnet hatte, nahm er die Tusche, um ihr Augen zu geben. Die Frau setzte sich auf. Ganz gerade. Die Haare hinten zusammengebunden. Das Kinn wartete auf seinen Mund. (...) Kerrand ließ das ganze Tuschefass auslaufen, die Frau schwankte, wollte noch schreien, doch das Schwarz lief ihr in den Mund, und sie verschwand.

Ein Winter in Sockcho, S. 39

Diese offensichtlich schmerzliche Erfahrung scheint geradezu symptomatisch für den Roman von Elisa Shua Dusapin. Das Hadern mit dem eigenen Körper, die Kritik anderer Personen daran sowie ein häufig diffuses Unwohlsein damit kommen zum Tragen. Wie sieht etwas oder jemand aus? Wie sollte es aussehen? Oder wie wird es vielleicht auch wo oder von wem gesehen? All diese Fragen verwebt die Autorin zu einem Spannungsverhältnis, das es der Leserschaft schwer macht, sich dem zu entziehen. Selbst wer weder den Norden Frankreichs noch die Provinz Südkoreas zu schätzen vermag, könnte durch die plastische Sprache schlicht mitgerissen werden.

Einerseits versprühen Landschaft, Witterung und wortkarge Dialoge eine gewisse Tristesse. Andererseits besticht die Omnipräsenz der Kunst. Von der Darstellung der Figuren über ihr Denken und Handeln bis hin zur äußeren Form, dem Erzählstil, durchdringt sie alle Schichten des Romans. Und so könnten beispielsweise die Zeichnungen Kerrands im Grunde als Kunstwerk im Kunstwerk gelten. Schlussendlich stellt „Ein Winter in Sockcho“ der lesenden Person in realistische Aussicht, in gewisser Weise gezeichnet zu werden.

 

Die gesamte Rezension zum Nachhören:

Eine Rezension von Frauke Siebels
Ein Winter in Sockcho
 

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Frauke Siebels
23.11.2018 - 12:17
  Kultur

"Ein Winter in Sockcho" ist der erste Roman von Elisa Shua Dusapin. Aus dem Französischen übersetzt von Andreas Jandl. Das Buch ist im September (2018) im Verlag Blumenbar erschienen, hat 144 Seiten und kostet 18,- €.