Berlinale 2019

Der Goldene Handschuh: St. Pauli Horror

Einer der meisterwarteten Filme der 69. Berlinale kommt von dem deutschen Kultregisseur Fatih Akin. Seine Romanverfilmung "Der Goldene Handschuh" ist der mit Sicherheit heftigste Beitrag dieses Festivaljahrgangs.
Szene aus "Der Goldene Handschuh"
Honka entsorgt die Überreste seiner Opfer.

"Warum trinken die Menschen?", fragt Siggi beim Gelage bei seinem Bruder Fritz "Fiete" Honka. Erstens, um zu feiern. Zweitens, um schlimme Dinge zu vergessen. Drittens, damit mal was passiert, wenn es langweilig wird. Man darf sich selbst ausdenken, aus welchen genauen Gründen die Figuren in diesem Film zum Schnaps greifen, aber eines steht fest: Es vergeht kaum eine Minute ohne Alkohol. Fiete Honka haust in den 70ern in einer heruntergekommenen Hamburger Dachbodenwohnung. Der Dreck klebt überall, auf dem Kanapee sitzen irgendwelche schaurigen Puppen, die beschmutzten Wände sind mit Pornobildern beklebt.

Die Nächte verbringt Honka im Goldenen Handschuh, einer St. Pauli - Spelunke, in der sich die Unterschicht der Unterschicht versammelt. Soldaten-Norbert, Tampon- Günther, Cola-Rum-Waltraud und wie sie alle heißen. Heruntergekommene Gestalten mit leerem Blick, die ihr zerrüttetes Leben mit Schnaps herunterspülen und sich weinend in den Armen liegen, während Heintje aus der Juke Box trällert. Manchmal bandelt Honka hier mit den weiblichen Gästen an und nimmt sie mit nach Hause, wo er ihnen noch mehr Schnaps verspricht. Fast keine von ihnen kehrt jedoch aus der Wohnung zurück.

Nicht wegsehen!

Regisseur Fatih Akin darf sich zu den wenigen deutschen Regisseuren zählen, die in ihrem bisherigen Schaffen immer Neues ausprobiert haben - mit großem Erfolg. Für Gegen die Wand gab es 2004 den Goldenen Bären der Berlinale, sein Terrordrama Aus dem Nichts mit Diane Kruger gewann zuletzt sogar einen Golden Globe.

Der Goldene Handschuh
Die Ladies am Stammtisch.

Nun kehrt er 2019 mit seinem ersten Genrefilm zur Berlinale zurück und betrachtet den Serienkillerfilm noch einmal aus einer neuen Perspektive. Im Goldenen Handschuh zwingt er das Publikum zu einem Einblick in ein Milieu, das so abstoßend, so traurig und gleichzeitig so skurril wirkt, wie man es mit derartiger Konsequenz selten im Kino gesehen hat.

Das gelang schon dem Autoren Heinz Strunk in der gleichnamigen Romanvorlage und Akin bringt den Morast, den Sündenpfuhl in dieser verstörenden Ekelgroteske eindrucksvoll, wenn auch etwas reduzierter, auf die Leinwand. Ihm gelingt das, ohne sich über diese Ausgestoßenen, diese vermeintlichen Verlierertypen lustig zu machen, von deren Hintergründen man gern noch etwas mehr erfahren hätte. Auch wenn es das Geruchskino noch nicht gibt: Man will sich bei diesem Film permanent die Nase zuhalten, wenn es in Honkas Wohnung hinein geht, wo die Leichen in den Wänden verrotten. Hut ab vor der Set-Gestaltung. Eine gewisse filmische Künstlichkeit wohnt dieser Gruselwohnung natürlich dennoch bei.

Ein neuer Schauspielstar

Will man über Den Goldenen Handschuh sprechen, kommt man an einem Thema nicht vorbei: Hauptdarsteller Jonas Dassler. Es ist wohl keine Übertreibung, wenn man behauptet, dass er trotz seines jungen Alters hier schon die Rolle seines Lebens spielt. Mit aufwendigem Make Up wird Dassler zu einer monströsen, schielenden Kreatur nach dem Ebenbild des realen Frauenmörders Fritz Honka geschminkt.

Der Goldene Handschuh
Gerda gerät dem Killer in die Fänge.

Wenn er in den ersten Minuten des Films auf dem dunklen Treppenabsatz steht, kann man es allein bei diesem Anblick mit der Angst zu tun bekommen. Ziel erreicht, Herr Akin! Vor allem muss man Jonas Dassler Respekt zollen, welche Gewalt er hier mit seinen älteren Kolleginnen spielen muss. Der Goldene Handschuh kommt tatsächlich mit einer FSK 18 - Freigabe in die Kinos. Auch das ist für einen deutschen Film erstaunlich, aber Fatih Akin gibt hier Vollgas bei der Darstellung sexueller Gewalt, ohne dabei zu plump oder explizit zu werden. Auch diese Gewalteskapaden sind äußerst durchdacht arrangiert und spielen wunderbar zynisch mit dem Kopfkino des Publikums (Stichwort: Zunge).

Inhaltsleere Ekelshow

Ein teilweise kaum zu ertragender Film ist das geworden, der auch ohne Skandal polarisiert. Wird der Serienkiller etwa zu sehr vermenschlicht? Wie steht es um die Würde der weiblichen Opfer? Was will uns dieser Film im Jahr 2019 überhaupt erzählen, außer dass es "solche Menschen" gibt? Fakt ist, dass auch Akin den Kern der Vorlage übernimmt und interessant erörtert, wie das Leben auf dem Abstellgleis, die Perspektivlosigkeit schließlich zu purer Barbarei führt. Das ist zugegebenermaßen recht schnell durchschaut und in dieser komprimierten Fassung auf Dauer etwas substanzlos und langatmig.

Besonders in der zweiten Hälfte wünscht man sich, die bloße Zurschaustellung von Abscheulichkeiten würde etwas mehr erzählerischer Stringenz und Psychologisierung weichen. Das Ende kommt ebenso banal wie unvorbereitet. Und doch bleibt die Erkenntnis, dass das deutsche Kino mehr Regisseure von der Unerschrockenheit eines Fatih Akin braucht. Darauf ein Glas Fanta-Korn!

Fazit

Eine etwas inhaltsleere, aber makellos inszenierte und gespielte Milieustudie für Erwachsene. Was braucht man also für den Goldenen Handschuh? Einen starken Magen, etwas Geduld und einen Sinn für derbsten Humor. Nach dem Kinobesuch am besten erstmal duschen gehen!

 

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Der Goldene Handschuh

Buch und Regie: Fatih Akin

nach dem gleichnamigen Roman von Heinz Strunk (Rowohlt Verlag, 2016)

Kinostart: 21. Februar 2019

FSK 18

Cast: Jonas Dassler, Margarethe Tiesel, Marc Hosemann, Lars Nagel und weitere