Filmkritik

"Dem Horizont so nah" mit vielen Tränen

Wie sang Udo Jürgens einst so schön: Ich wünsch dir Liebe ohne Leiden. Dieser Wunsch kommt im Romantik-Kino nur noch selten an. "Dem Horizont so nah" ist ein weiterer Film, bei dem die Taschentücher gleich zur Kinokarte gereicht werden könnten.
Dem Horizont so nah
Der letzte gemeinsame Urlaub von Danny und Jessica?

Wenn William Shakespeare heute Romeo und Julia schreiben würde, dann müsste wohl Julia zu Hause ihre sterbenskranke Mutter pflegen und sich dann in einen jungen Mann verlieben, der sie gerne in seinem Folterkeller an das Andreaskreuz schnallen möchte, bevor ihm zum Schluss auch noch ein Bein abgenommen werden muss. Die ewige Liebe scheint heute nicht mehr existieren zu dürfen. Krankheit, Sterben und insbesondere auch das Berufsleben stehen ihr immer im Wege. Was waren denn die wirklich großen Romanzen, die das Kino der 2010er Jahre hervorgebracht hat? Blue Valentine? Call Me By Your Name? Cold War? La La Land? Sie alle enden tragisch, egal ob Trennung oder Tod. Dass dieses Phänomen bei weitem nicht nur im Erwachsenenkino zu beobachten ist, steht spätestens seit John Greens Megaerfolg Das Schicksal ist ein mieser Verräter im Jahr 2012 fest. Besonders in der Literatur, genauer gesagt der Kinder- und Jugendliteratur, erleben negative Themen wie Krankheit und Tod Hochkonjunktur.

Ein Stück weit wirkt dieser Fatalismus so wie die konsequente Fortführung des Bebens, das in den 70er Jahren Der Exorzist im Kino ausgelöst hat: Die Jugend lässt sich von den Erwachsenen nicht mehr begreifen. Eine behütete Kindheit scheint in der modernen Gesellschaft unmöglich. Da bietet auch die Liebe keine Erlösung. Nur, dass dieser Kampf um das Verständnis für eine junge Generation heute nicht mehr im vollgekotzten Kinderzimmer ausgetragen wird, wo sich die Köpfe um 180 Grad verdrehen, sondern am romantischen Lagerfeuer, wo Jugendliche über ihr eigenes Ende und die Unmöglichkeit ihrer Liebesbeziehung sinnieren müssen. Der hypochondrische Doktor-Google-Albtraum ist wahr! Jeder, bei dem solche düsteren Gedanken mittlerweile nur noch Augenrollen verursachen, weiß zumindest, dass er nicht zur Zielgruppe von Dem Horizont so nah gehört.

Erstaunlich sympathisches Duo 

"Sick Lit" und "Suffer Comedy", so zwei der Bezeichnungen, die für Jugendliteratur wie Greens Schicksal gewählt wurden. Man muss ja schon froh sein, dass Dem Horizont so nah ausnahmsweise mal nicht zu der Art von Teenieromanze gehört, in der sich die Figuren mit ach so selbstironischem Galgenhumor ihrem düsteren Schicksal stellen, sondern dass mal wieder ernsthaft geweint werden darf! Dieses Mal trifft es die 18 Jahre alte Jessica, die auf dem Jahrmarkt den zwei Jahre älteren Posterboy Danny kennenlernt und sich in das Model verguckt. Zu diesem Zeitpunkt ahnt sie noch nichts von seiner HIV-Diagnose. Kitschfrei ist das keinesfalls! Schon beim gemeinsamen Kennenlernen auf der Berg- und Talbahn werden sich in Zeitlupe neckische Blicke zugeworfen. Distanziert, aber voller Anziehungskraft. Für einen Lacher reicht´s! In der Realität würden beide zu diesem Zeitpunkt im vollen Tempo dieses Fahrgeschäfts wohl schon kreuz und quer übereinanderliegen, schreiend, weil man die Beine nicht mehr spürt.

Wie das dann alles weitergeht, ist schnell durchschaut. Alles wie gewohnt, keine Überraschungen. Und doch ein Film, der sich in seinem Genre und auf dem internationalen Markt nicht verstecken muss. Der für das deutsche Kino oft typische Werbefilm-Farbfilter wird zum Glück weitgehend ausgelassen, vieles wirkt dann doch bodenständiger und weitaus weniger schmalzig inszeniert als in vielen anderen Vertretern seiner Art. Das liegt vor allem an Luna Wedler und Jannik Schümann, die diese fatale Romanze bemerkenswert ungezwungen und sympathisch spielen. Jedes Verzweifeln, jedes Trösten und Weinen, jedes Aufbäumen gegen das eigene Elend wirkt da greifbar, die Taschentücher bleiben besser in Reichweite, denn zwischendurch schlägt das Schicksal immer wieder mit ganzer Härte zu.

Dem Horizont so nah
Frederick Lau als Boxtrainer
Für ein schwelgerisches "Wie die Zeit vergeht..." sorgt übrigens Frederick Lau als Dannys Mentor. Mit seinen 30 Jahren wird der Schauspieler mittlerweile schon als weiser Boxtrainer mit Moustache-Bart besetzt.

Kontraproduktive Moral

Schade, dass alles in dem viel zu langen Finale wieder zu dem Nicholas Sparks- oder Rosamunde Pilcher-Kitsch umschlägt, den der Film vorher mit seiner Inszenierung so überraschend oft umschifft. Weichgespült zieht man sich da aus der Reserve, das Zerfallen des blendend schönen Model-Filmkörpers will man dem jungen Publikum eh nicht zumuten. Erschreckend ist hingegen der Umgang mit dem HIV-Thema. Der Film spielt in den 90er Jahren, das kann man historisieren, und doch ist das alles so überdramatisiert und so wenig eingeordnet, dass Dem Horizont so nah für seine Zielgruppe beinahe an Verantwortungslosigkeit grenzt.

Ja, ein Sexualleben mit einer betroffenen Person ist möglich, das hat es gerade so in den Film geschafft. Dass die HIV-Diagnose heute aber nicht mehr mit einem Todesurteil gleichzusetzen ist, wird da ausgespart. Eine Texttafel zum Schluss hätte gereicht! Dann wäre der fade Beigeschmack dieses Dramas womöglich verschwunden. Am Ende ist´s Stangenware, aber immerhin solide verarbeitet und in diesem Filmjahr zum Glück weit entfernt von der erschreckend erfolgreichen Teenie-Romanze After Passion und all den anderen ähnlich gestrickten Machwerken, in denen sich junge Mädchen in psychopathische Bad Boys vergucken! Die Botschaft über das selbstlose Lieben sitzt, den Fans wirds gefallen, die Bravo-Poster stehen sicherlich schon in den Startlöchern, die Fortsetzungen wahrscheinlich bald ebenso. Immerhin sind von der literarischen Vorlage von Jessica Koch noch zwei Romane übrig. 

 

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DEM HORIZONT SO NAH 

Kinostart: 10. Oktober 2019

FSK 12

Laufzeit: 109 Minuten 

Regie: Tim Trachte 

Drehbuch: Ariane Schroder, Jessica Koch

Cast: Jannik Schümann, Luna Wedler, Luise Befort, Frederick Lau und weitere