Filmkritik: Das krumme Haus

Die Krimi-Königin bittet zur Mörderjagd

Agatha-Christie-Krimiadaptionen sind wieder populär: Nach "Mord im Orient-Express" im vergangenen Jahr wurde erstmals "Das krumme Haus" verfilmt. Lange Zeit wagte man sich nicht an das persönliche Lieblingswerk der "Queen of Crime".
"Das krumme Haus"
Charles Hayward (Max Irons) ermittelt im Auftrag seiner Ex (Stefanie Martini) im Kreise ihrer exzentrischen Familie.

Wollte man enträtseln, warum der 1949 geschriebene Krimi "Das krumme Haus" (im Original "Crooked House") erst anno 2018 auf die Leinwand gebracht wurde, müsste man dessen schockierende Auflösung vorweggreifen  und würde das Publikum (zumindest Nicht-Romankundige) um den Spaß der Tätersuche bringen. Deshalb sei nur so viel verraten: "Das krumme Haus", angeblich Agatha Christies Favorit im eigenen literarischen Schaffen, ist zugleich ihr garstigstes und tragischstes Werk. Also war es längst überfällig den als zu brisant verschmähten Stoff zu verfilmen. Zumal sich seit dem Erscheinen des Romans vor fast siebzig Jahren die Moralvorstellungen merklich gewandelt haben und heutige Zuschauergenerationen an allerlei Grausamkeiten im Kino gewöhnt sind. 

Ansonsten bietet die jüngste Agatha-Christie-Literaturverfilmung die typischen Ingredienzen ihrer nach dem Whodunit-Prinzip gestrickten Kriminalgeschichten: Ein kaltblütiger Mord, ein Ermittler und viele geheimniskrämerische Verdächtigte, die hier außerdem alle unter einem Dach leben: in dem titelgebenden krummen Haus und Schauplatz des Verbrechens. Wobei die Bezeichnung "Haus" eine wahre Untertreibung für dieses prachtvolle Schloss darstellt und mit "krumm" eher seine unehrenhaften Bewohner gemeint sind, die alle im Abhängigkeitsverhältnis und Schatten vom ungemein vermögenden, jedoch kleinwüchsigen Hausherrn stehen. 

Viele Motive und kein Alibi 

Aristide Leonides, ein steinreicher Unternehmer aus Griechenland, wird in seinem Bett auf seinem herrschaftlichen englischen Landsitz "Drei Giebel" tot aufgefunden. Statt des Insulins hatte jemand dem alten diabeteskranken Familienpatriarchen seine giftigen Augentropfen injiziert. Seine Enkelin Sophia (Stefanie Martini) ist überzeugt, dass eine der im Haus lebenden Personen den heimtückischen Mord begangen hat. Von ihrem Verdacht erzählt sie ihrem Ex-Geliebten Charles Hayward (Max Irons), der sich als unterbeschäftigter Privatdetektiv durchschlägt, und bittet ihn, den Giftmörder aufzuspüren.

Widerwillig beginnt Hayward vor Ort die exzentrischen Bewohner des Mehrgenerationenhaushalts zu verhören. Bei den Befragungen der wenig auskunftsfreudigen Familienmitglieder zeichnet sich ab: Jeder der Anwesenden verfügt über ein Motiv und hatte ausreichend Gelegenheit, den Multimillionär zu vergiften. Unerwartete Hilfe erhält der ratlose Ermittler von dem jüngsten Leonides-Spross, der blitzgescheiten Josephine (Honor Kneafsey), die sich als Hobbydetektivin betätigt und ihn an eine elementare Krimifaustregel erinnert: Ein Mord kommt selten allein... 

Das krumme Haus Trailer

Ideale Krimi-Unterhaltung für eine Sonntags-Matinée

Der Franzose Gilles Paquet Brenner hat mit "Das krumme Haus" einen charmanten, mitunter etwas langatmigen Whodunit inszeniert. Wegen seinem altmodisch-nostalgischen Flair und gemächlichen Erzähltempo wirkt der kammerspielartige Film wie aus der Zeit gefallen, trifft damit jedoch punktgenau den Geist der pulpigen Buchverlage, in der sich der Suspense auch erst allmählich entfaltet. Im letzten Drittel nimmt die bis dahin aufregerarme Filmhandlung dann wortwörtlich Fahrt auf. Von Minute zu Minute steigt die Spannung; wiederholt gerät unverhofft ein neuer Hauptverdächtigter, den man bisher gar nicht auf dem Schirm hatte, ins Blickfeld des Publikums. 

Über die erzählerischen Längen, die sich unweigerlich in den beinahe zwei Stunden Laufzeit einschleichen, hilft einerseits das gut aufgelegte Schauspielensemble hinweg, angeführt von der einmal mehr wunderbaren Clenn Close (sechs Mal für den Oscar nominiert) als Leonides undurchsichtige Schwägerin und "Akte-X"-Darstellerin Gillian Anderson, die als divenhafte Rabenmutter mit Cleopatraperücke kaum wiederzuerkennen ist. 

Die opulente Kulisse, ein Szenendieb

Andererseits wird, gerade was das Szenenbild betrifft, nicht mit Schauwerten gegeizt. Ehrfurchtsvoll durchstreift die Kamera die prunkvoll eingerichteten Zimmer des Anwesens, die zudem individuell auf jede Figur abgestimmt sind. Sie schwelgt in dem luxuriösen Interieur zwischen 50er Jahre Chick und viktorianischem Pomp. Eine nette Pointe: Dem Krimi-Plot um den geltungsbedürftigen Mörder stiehlt das titelgebene Haus gehörig die Schau.

 

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Karen Müller
11.12.2018 - 14:18
  Kultur

Das krumme Haus ("Crooked House")

Kinostart: 29.11.2018

Regie: Gilles Paquet-Brenner
Laufzeit: 115 Min
FSK: 12
Cast: Stefanie Martini, Max Irons, Glenn Close, Terence Stamp, Christina Hendricks, Gillian Anderson