Filmkritik

DAS FORUM eröffnet 62. DOK Leipzig

Die 62. Ausgabe von DOK Leipzig, dem ältesten Dokumentarfilmfestival Europas, eröffnet mit einem Film, der hinter die Kulissen eines Ortes blickt, an dem all die Krisen der Welt aufeinanderprallen zu scheinen. Ein Schmelztiegel an Themen zum Auftakt!
Das Forum
Klaus Schwab ist das Oberhaupt des Forums

Was muss ein Eröffnungsfilm für ein solches Festival überhaupt leisten? Na klar, er muss alle an einen Tisch holen, in die Themen des Programms einführen, vielleicht sogar schon eine erste Provokation liefern. Dass das keinesfalls ein leichtes Unterfangen ist, steht außer Frage! Über 300 Filme und interaktive Arbeiten aus 63 Ländern bietet das Programm des diesjährigen DOK, dem Internationalen Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm. Es ist das letzte Festival unter Leitung der in den letzten Jahren mehrfach umstrittenen Direktorin Leena Pasanen. Die Auswahl der Themen des Programms ist so vielfältig und komplex, dass sich ein einzelner Schwerpunkt gar nicht herausfiltern lässt. Genau diese Aussage trifft auch auf Marcus Vetters Dokumentarfilm Das Forum zu, der das 62. DOK parallel im Leipziger Cinestar und in der Osthalle des Hauptbahnhofs eröffnen wird. 

Gipfeltreffen der Mächtigen

Vetters Forum beginnt fast wie ein Thriller. Da spielt die Musik bedrohlich auf, während sich die Mächtigen der Welt, unter anderem Donald Trump, Emmanuel Macron, Angela Merkel und Theresa May, im schweizerischen Davos einfinden. Es ist das erste Mal, dass ein unabhängiger Filmemacher hinter den Kulissen des Weltwirtschaftsforums (WEF) blicken und seine Beobachtungen filmisch dokumentieren darf. Jedes Jahr im Januar treffen bei der Konferenz Spitzenführer aus Politik und Wirtschaft zusammen, um die drängenden Fragen unserer Zeit zu debattieren.

DAS FORUM
Klaus Schwab begrüßt Jair Bolsonaro auf der Bühne

Das ist in den ersten Minuten so bedrohlich in Szene gesetzt und montiert, dass es unweigerlich seine Sogwirkung entfaltet und man sich sofort fragt, welche schmutzigen Geheimnisse hier wohl enthüllt werden, was wirklich hinter den Kulissen des umstrittenen Forums geschieht. Politstunde für das Game of Thrones - Zeitalter, dieser Gedanke kommt einem bei dem reißerischen Auftakt schmunzelnd in den Sinn! Doch je weiter der Film dann fortschreitet, desto mehr stellt sich eine gewisse Ernüchterung ein. Keine Frage, Das Forum ist eine bemerkenswerte Arbeit und ein durch und durch mutiges Unterfangen. Über drei Jahre hinweg hat Marcus Vetter diese Institution, ihre Strippenzieher und Teilnehmer porträtiert. Doch hat uns dieser Film wirklich etwas zu erzählen, was wir vorher noch nicht wussten? Danach ist man nur bedingt schlauer, wem dieses Forum eigentlich nützt. Eine Frage, die der Film durchaus kritisch stellt und doch keine Antworten findet. Und das, obwohl Vetter als Blick hinter das politische und wirtschaftliche Großereignis jede Menge Szenen zeigt, die man durchaus interessiert verfolgt.

Da gibt es diese Sequenzen, etwa wenn Brasiliens kontrovers diskutierter Präsident Bolsonaro das Forum betritt und in der Pause zwischen den Veranstaltungen mit den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern konfrontiert wird. Wenn sich die Kamera im Hintergrund hält, man selbst das Gefühl hat, mit einem Glas Sekt in der Hand diese unangenehmen, teils zwischen Diplomatie und Anbiederung schwankenden Kontakte zu beobachten. Eine gewisse Intensität entwickelt der Film dabei zweifellos, doch der Schmelztiegel aus Themen, Problemen und Einblicken ist zu überbordend, zu unkonzentriert. Weniger Anspannung, mehr Tunnelblick!

Ein spannender Protagonist

Im Zentrum steht der mittlerweile über 70 Jahre alte Klaus Schwab, der 1971 das Forum ins Leben gerufen hat. Bei ihm laufen alle Strippen zusammen und tatsächlich gelingt es diesem Dokumentarfilm, ein Gefühl für die Dringlichkeit seiner Arbeit und seinem Bestreben um Diplomatie zu vermitteln. Ja, es werden auch kritische Töne in Hinblick auf seine Zusammenarbeit mit einigen umstrittenen Konzernen angeschlagen. Und doch ist Schwab als Protagonist nur ein kleines Versatzstück in diesem Mosaik, das für seine nicht einmal zwei Stunden Laufzeit schlichtweg zu bunt geraten ist. Es bleibt nicht bei einem bloßen Einblick in die Organisation und den Ablauf des Forums, sondern immer wieder schaut der Film auch auf konkrete Themen, die dort verhandelt werden, von Umweltschutz über Robotik bis hin zu globalen Menschenrechtsverletzungen. Auch hier werden unzählige Felder angerissen, Montagen aus abgenutzten Aufnahmen zusammengeschnitten, bei denen sich recht schnell das Gefühl einschleicht, dass das DOK Leipzig für all diese Themen viele, wesentlich spannendere Filme im Programm zu bieten hat. Groß gedachtes Dokumentarkino ist das zweifellos, aber um welchen Preis?

Das Forum
Greta mischt das Forum auf.

Das Forum eignet sich für eine Auseinandersetzung mit diesen zahlreichen Inhalten nur bedingt. Das WEF dient lediglich als Bühne dafür, doch die Verzahnung mit den unterschiedlichen Figuren und Arbeitsprozessen gerät in dieser filmischen Arbeit allzu oft in den Hintergrund. Es wäre tatsächlich spannend gewesen, die seit Jahren geführten Diskussionen über Sinn und Unsinn des Forums, über mangelnde Transparenz und Wirkungskraft genauer zu beleuchten, doch es bleibt eben bei einem bloßen Fingerzeig. Der Rest muss außerhalb des Kinos erfolgen. Ja, ein Dokumentarfilm muss keine Stellung beziehen, das bloße Aufzeigen reicht manchmal aus. Die Frage ist nur, was genau Marcus Vetter einem hier aufzeigen will. Das menschliche Miteinander bleibt schlichtweg blass, auch wenn das Problem der verpassten Handlungen zur Beseitigung der globalen Konflikte immer wieder durchschimmert.

Zum Schluss kommt der Film bei Greta Thunberg an, die das Forum ordentlich aufmischt. Die letzten Minuten werden zum Pamphlet für den Klimaschutz. Nur eine Station von vielen. Zurück also zur Ausgangsfrage: Was muss ein Eröffnungsfilm für so ein Festival leisten? Wir wissen nach dem Forum wieder, welche drängenden Fragen die Gesellschaft gerade beschäftigen. Welche Fragen in den Filmen des Festivalprogramms thematisiert und erörtert werden. Insofern: Ziel erreicht! Und doch wird man das Gefühl nicht los, dass sich hier ein Filmemacher in einem politischen Geflecht verloren hat.

 

 

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DAS FORUM

Laufzeit: 116 Minuten

Regie: Marcus Vetter

Buch: Christian Beetz

Website: gebrueder-beetz.de/produktionen/das-forum

Der Film läuft im Internationalen Wettbewerb des 62. Internationalen Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm.

 

mephisto 97.6 berichtet während des gesamten Festivals täglich im Live-Programm und online über das Programm von DOK Leipzig.