Filmkritik

Creed II: Weiche Harte Männer

Zum unglaublichen achten Mal schlüpft Sylvester Stallone in die Rolle des Boxers Rocky Balboa. "Creed II" lässt ihn erneut als erfahrenen Trainer auf seinen Schützling Adonis Creed treffen und übertrifft sogar noch den Vorgängerfilm.
Szene aus "Creed II"
Rocky Balboa und Adonis Creed treten gegen einen übermächtigen Gegner an.

Die Zeiten sind längst vorbei, in denen Rocky Balboa probeweise mit Schweine-Kadavern boxt und anschließend im Ring seinen Gegnern ein paar kräftige Schläge verpasst. Aus dem großen Filmhelden, der ehemaligen Legende Sylvester Stallone ist nun ein alter Mann geworden, seine Figur des Rocky Balboa ein von Krankheit erschöpfter Gebrochener, der am Grab seiner Geliebten sitzt und seinem früheren Leben nachtrauert. Creed II - Rocky´s Legacy ist Stallones achter Leinwandauftritt in dieser Rolle, nachdem die Rocky-Saga 2015 mit dem Spin Off - Film Creedwiederbelebt wurde. Der ehemalige Actionstar ist nun nicht nur vom Leben gezeichnet, sondern auch von einigen Schönheitsoperationen, die die Mimik des Schauspielers zwar offensichtlich beschränken, aber nichtsdestotrotz gelingt ihm auch in Creed II noch einmal eine große Performance, nachdem er bereits für den ersten Teil als bester Nebendarsteller für einen Oscar nominiert war. Es ist eben die Zerbrechlichkeit, die Versehrung, die diesen ehemals Unverwundbaren noch einmal aufleuchten lässt.

Männlichkeitskrisen 

Der alte, erfahrene Rocky trifft in Creed II nun erneut auf seinen jungen, hitzköpfigen Schützling Adonis, den Sohn seines ehemaligen Feindes Apollo Creed. Nachdem er ihm im ersten Teil der Creed-Reihe zu dessen Karriere als Boxer verholfen hat, wartet nun ein neuer Feind, der den Champion Adonis herausfordern möchte. Bei dem Herausforderer Victor Drago handelt es sich ausgerechnet um den Sohn des russischen Boxers Ivan Drago, der Adonis Vater Apollo einst im Boxring zu Tode geschlagen hat. Adonis schlägt die Warnungen seines Mentors in den Wind und stimmt dem Kampf mit verheerenden Folgen zu.

Szene aus "Creed II"

Auf den ersten Blick erzählt Creed II einfach nur eine weitere Boxgeschichte, im Kern geht es hier jedoch um gescheiterte Männlichkeitsideale. Michael B. Jordan brilliert in der Hauptrolle als getriebener junger Mann, der von seinem Ehrgefühl und den sensationsgierigen Nachrichtenkanälen zum Kampf gezwungen wird, um seinen Status und seine harte Fassade zu erhalten. Ein junger Mann, der (wie einst Rocky Balboa) von ganz unten kam, jetzt zu Ruhm und Reichtum gelangt ist und den erneuten Fall befürchten muss. Der seinen Körper aufpumpen und seine Gefühle ausradieren muss, bis zur völligen Erschöpfung trainiert und der auf der anderen Seite seiner Rolle als Romantiker und liebender Familienvater gerecht werden muss, wenn seine Verlobte Bianca (Tessa Thompson) auf einmal ein Kind erwartet. Ihm gegenüber ein alter Rocky, der nicht mehr die Kraft besitzt, selbst in den Kampf einzugreifen und trotzdem ebenfalls zur Rache schreiten will. Man muss sich mit derartig gestrickten, in gewisser Weise auch altertümlichen Männlichkeitsbildern nicht identifizieren können, aber Creed II gelingt eine vielseitige und durchaus intelligente Beleuchtung dieser persönlichen Konflikte.

Starke Fortsetzung

Der eher unbekannte Regisseur Steven Caple Jr. hat hier seinen erst zweiten Spielfilm vorgelegt und so ist es umso erstaunlicher, mit welcher Stilsicherheit und Konsequenz diese Fortsetzung gelungen ist, die ihren Vorgänger und sogar den Großteil der originalen Rocky - Filme in den Schatten stellt.

Szene aus "Creed II"

Creed II ist mit seiner rauen Optik düsterer als der erste Teil. Mit wackeliger Kamera geht es in den Boxring, wo das Publikum in wahnsinnig packend inszenierte Kämpfe hineingezogen wird, die gerade in ihrer ungeschönten Brutalität ihre eigene, schreckliche Ästhetik entfalten und einem gleichzeitig die Abgründe dieser Sportart vor Augen führen. Creed II ist in diesen Szenen spektakulär anzusehen und doch gelingen neben dem Bombast auch immer wieder sehr intime, feinfühlig erzählte Charaktermomente zwischen dem jungen Liebespaar oder zwischen Adonis und seinem Mentor Rocky, der hier langsam aber sicher in den Hintergrund tritt, um den überzeugenden Nachwuchsstars die verdiente Bühne zu bieten. Selbst Dolph Lundgren als finster dreinblickender Ivan Drago erhält mit seinem noch monströser wirkenden Sohn zum Schluss noch einen kurzen Moment der Sensibilität.

Vor allem kann Creed II gerade in den emotionalen Momenten von der ausführlichen Exposition des Vorgängerfilms profitieren und seine Charaktere gekonnt weiterentwickeln. Das ist hier und da etwas zu lang und einige aufgeworfene Konflikte werden in der großen Box-Show links liegen gelassen, insgesamt verzeiht man das aber diesem (trotz Überlänge) durchweg spannenden Sportler-Drama. Creeds Emanzipation von der Mutter-Filmreihe ist geglückt. Die Boxhandschuhe werden sicherlich bald noch ein drittes Mal ausgepackt!

Fazit

Creed II - Rocky´s Legacy ist überzeugend gespielt, gefühlvoll erzählt und packend inszeniert. Ein Musterbeispiel für einen gelungenen Blockbuster!

 

Kommentieren

Janick Nolting
24.01.2019 - 12:55
  Kultur

Creed II - Rocky´s Legacy

Kinostart: 24. Januar 2019

Laufzeit: 130 Minuten

FSK: 12

Regie: Steven Caple Jr.

Cast: Michael B. Jordan, Tessa Thompson, Sylvester Stallone, Dolph Lundgren, Florian Munteanu, Brigitte Nielsen u.a.