Filmkritik

Climax: In der Tanzhölle

Er gilt als einer der größten Provokateure der Filmgeschichte. Mit jedem Film ist dem französischen Regisseur Gaspar Noé bisher ein Skandal gelungen. In seinem neuen Werk „Climax“ treibt er das Publikum erneut an die Belastungsgrenzen.
Szene aus Climax
Gaspar Noe´s Climax

Eine halbnackte Frau taumelt blutend durch den Schnee, bricht in der Kälte zusammen. Danach das Ende. Der Abspann läuft. Wieder einmal bricht Regisseur Gaspar Noé konventionelle narrative Regeln und setzt sein Publikum nach nicht einmal fünf Minuten vor den Abspann seines Films. Einer ähnlichen Technik bediente sich Noé einst bei seinem berühmt berüchtigten, rückwärts erzählten Schocker Irreversible, der mit seiner schier endlosen Vergewaltigungssequenz das Publikum bei der Weltpremiere in Cannes scharenweise aus dem Kino vertrieb und für tumultartige Zustände sorgte.

Die Lust, die Angst und die Drogen

Zu Beginn sieht man auf einem alten Röhrenfernseher die Aufnahmen vom Vorsprechen der einzelnen Tänzerinnen und Tänzer. Alle aus unterschiedlichen Ländern, unterschiedlicher Hautfarbe und sexueller Orientierung. Links und rechts neben dem Fernseher stapeln sich alte DVDs. Darunter die Filme Suspiria, Possession und Salo oder die 120 Tage von Sodom, die offensichtlich alle Vorbilder waren für Noés neuestes Machwerk. Plötzlich schrillen Sirenen im Hintergrund, kündigen das Unheil an und schon ist man eingesperrt in einer Turnhalle. Hier trifft die Tanzkompanie aufeinander, präsentiert eine wilde Choreographie zwischen Zügellosigkeit und strenger Perfektion. Die entfesselte Kamera gleitet durch den Raum, Körper wirbeln wild durcheinander. Bereits diese Tanzszene reicht aus, um das Publikum in den Bann zu ziehen und gehört zweifellos zu den spektakulärsten Szenen, die Noé in seiner Karriere bisher gedreht hat.

Szene aus "Climax"

Im Smalltalk der einzelnen Partygäste stellt uns der französische Regisseur sein Ensemble vor. Es geht um die Liebe, Lästereien, um Familie, um Sex und Schwangerschaft. Das mag für einige etwas zu küchenpsychologisch oberflächlich und belanglos wirken, ist jedoch glücklicherweise so natürlich gespielt, dass man ihm jede Emotion abkauft. Dazwischen wird immer wieder lange getanzt und beinahe fragt man sich, was denn nur aus dem Regisseur geworden ist, der früher das Publikum mit bestialischen Vergewaltigungen, Drogentrips und blutigen Morden schockte. Ist Gaspar Noé etwa doch noch weich geworden? Nein, ist er keinesfalls, denn in der zweiten Filmhälfte zieht er wieder alle Register des Grausamen und es geht es tief hinab in die Abgründe von Noés filmischen Albtraumwelten.

Rauschhaftes Körperkino

An dieser Stelle sei gesagt, dass man sich gut überlegen sollte, ob man sich auf diesen Drogen-Tanztrip einlassen will. Man kann in einer Filmkritik natürlich immer übertreiben und Phrasen wie „Nichts für schwache Nerven“ aussprechen, aber bei Climax ist diese Warnung durchaus ernst zu nehmen!

Szene aus "Climax"

Die Tanzparty in diesem Film läuft nämlich gehörig aus dem Ruder, als man plötzlich bemerkt, dass jemand LSD in die Sangria-Bowle gemixt hat. Unterdrückte Ängste und Gelüste brechen hervor, gipfeln in einer rauschhaft inszenierten Orgie aus Sex und Gewalt bis zur völligen Ekstase, Transzendenz und Selbstvernichtung. Climax erinnert dabei noch am ehesten an Noés filmische Seelenwanderung Enter the Void. Der zunehmende Orientierungs- und Realitätsverlust überträgt sich auch auf das Publikum. Die großartig geführte Kamera wirbelt in quälend langen Einstellungen durch die Räume, gerät immer wieder in Schieflage, überschlägt sich, dreht sich im Kreis. Das ganze Finale ist kopfüber gefilmt. Dazu alles getaucht in gespenstisches rotes und grünes Licht, während die tiefen Bässe ununterbrochen auf das Publikum einprügeln. Einmal mehr ist es Gaspar Noé gelungen, seine wehrlosen Opfer vor der Leinwand in eine körperliche, übelkeitserregende Stresssituation zu versetzen und verstört zurückzulassen.

Getanzte Triebe

Das Ensemble der Feierwütigen läuft zu Höchstleistungen auf, tanzt sich die Seele aus dem Leib und verrenkt sich schließlich wie besessen, bis die Knochen knacken und Noés liminale Albtraumwelt von gequälten Leibern besiedelt ist. Geschlechter, Lust und Gewalt vermischen sich in einem hypnotischen Rausch zwischen George Batailles und dem Marquise de Sade. Irgendwann hofft man nur noch, dass es doch endlich vorbei sein möge. Zwischendurch gibt es immer wieder kurz eingeblendete Texttafeln über Geburt, Leben und die Erfahrung des Sterbens. Das hat nicht mehr die durchdringende sozialkritische und provozierende Kraft wie etwa noch Noés Menschenfeind, bekommt hier aber eine wunderbar selbstironische Note in diesem Best Of von Noés Genrefilmzutaten.

Wenn sich nach den 95 Minuten die Türen der Turnhalle öffnen und die kalte Winterluft hineinströmt, atmet auch das Publikum erleichtert auf, doch damit ist es noch nicht vorbei. Man taumelt aus dem Kinosaal, als hätte man den Drogenrausch am eigenen Leib mitgefühlt. Das ist terrorisierendes, aber einzigartig radikales modernes Erlebnis-Kino.

Fazit

Die drei Jahre Wartezeit nach dem 3D-Porno Love haben sich gelohnt. Gaspar Noé ist in Höchstform zurück. Climax ist, wie der Titel ironischerweise verspricht, tatsächlich der inszenatorische Höhepunkt seiner bisherigen Karriere. Eine wahnsinnige, verstörende Tortur für das Publikum und doch ein Kinotrip, den man nicht wieder vergisst.  

 

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CLIMAX

Kinostart: 6.12.2018

Laufzeit: 96 Minuten

FSK 16

Regie und Drehbuch: Gaspar Noé

 

"Climax" feiert seine Deutschlandpremiere beim Fantasy Filmfest 2018 und wurde anschließend unter anderem bei der Leipziger Filmkunstmesse und den Französischen Filmtagen gezeigt.

Am 12. April 2019 erscheint der Film auf DVD und Blu Ray.