Rotes Sofa: Christian Fuchs

Das Netzwerk der Neuen Rechten

"Der afrikanische Ausbreitungstyp", "Messermigranten" und "Merkel muss weg", wirken wie rechte Sprösslinge, die seit 2015 scheinbar unabhängig auskeimen. Dass sie alle miteinander verwurzelt sind, zeigt das Buch "Das Netzwerk der Neuen Rechten".
Christian Fuchs im Interview

Das Interview zum Nachhören:

Redakteur Max Brose im Gespräch mit Autor Christian Fuchs
2303 Christian Fuchs

2013 schrieb der ehemalige SPD-Politiker Thilo Sarrazin mit "Deutschland schafft sich ab" ein Buch, das den unterirdisch schwelenden Nationalismus in Deutschland neu entzündete. Er entwickelte sich zu einem Flächenbrand. Dieser wütet auf den Straßen in Form der X-gidas, als Trollarmeen im Internet und in den Zeitungsregalen durch  Magazine wie Compact. 2017 schließlich erreicht das völkische Feuer mit 12,6% den Deutschen Bundestag in Gestalt der AfD. Spätestens jetzt stellt der Hass auf das Feindbild Muslime die demokratische Gesellschaft vor unzählige Fragen.

Von der "Stunde Null" bis zur Identitären Bewegung

Das Buch "Das Netzwerk der neuen Rechten" liefert Antworten, indem es diese Entwicklung systematisch aufarbeitet und dabei den Körper der neuen Rechten Deutschlands mit chirurgischer Präzision seziert. Die Ursprünge dieser völkischen Auswucherungen finden Midellhoff und Fuchs in dem 1950 erschienen "Konservative Revolution", ein Sammelwerk rechter Denker wie Carl Schmitt. Sein Herausgeber Armin Mohler wird zur Alma Mater des heutigen Neurechten Vordenkers Götz Kubitscheks. Dieser leitet das Institut für Staatspolitik, wo die Lehren Mohlers zu einem Unterbau der neorechten Ideologie weitergedacht werden. In diese führen Middelhoff und Fuchs ein und zeigen – auch den Laien verständlich – wie die Bewegung marxistische Theorie für Neurechte Doktrinen okkupiert.

Wer aber hofft, danach eine umfassende Erklärung dieser Denke zu finden, wird enttäuscht. Stattdessen schwenkt das Werk darauf um, wie sich die heutige Szene von ihren früheren Springerstiefelkameraden abgrenzt. Schafft dann den Brückenschlag zur Strategie neorechter Aktivistinnen und Aktivisten wie der Identitären Bewegung und Ein Prozent. Dass diese ebenfalls linke Aktionsformen für ihren völkischen Protest vereinnahmen, überrascht wenig. Schließlich sind Ihre Köpfe Martin Sellner und Phillip Stein Zöglinge Kubitscheks.

Zwei Jahre Recherche in den Tiefen des Neurechten Sumpfs

Das Aufzeigen solcher Verstrickungen innerhalb der Neuen Rechten zieht sich als roter Faden durch "Das Netzwerk der neuen Rechten". Und dabei offenbart es seine eigentliche Stärke. Denn die beiden Autoren Christian Fuchs und Paul Middelhoff können auf ein 130 Namen starkes Rechercheprotokoll zurückgreifen, das sie in über zwei Jahren zusammengetragen haben. Darüber hinaus rekurriert "Das Netzwerk der neuen Rechten" immer wieder auf die Arbeit von Kolleginnen und Kollegen anderer Medien. Diese beispielgewaltige Chronik der Szene beleuchtet jeden bekannten Winkel des neurechten Spektrums. Trotz schematischer Darstellungen offengelegter Netzstränge am Ende jedes Kapitels dürften die Fakten und Namenmenge aus der Szene Neulinge schier überfordern. Für Kennerinnen und Kenner hingegen werden Sie zu einem Wiedersehen mit alten Bekannten wie den Leiter des Hallenser Identitären Hauses Mario Müller oder den Compact-Herausgeber Jürgen Elsässer.

Wie sie alle miteinander verknüpft sind, legt der Text offen. Damit ist das Werk eine allumfassende Rechercheerzählung, die an jüngste Berichte aus dem Neurechten Spektrum wie "Angst für Deutschland" von der Spiegeljournalistin Melanie Amann erinnert. Auch der Schreibstil ist, wie man es von Journalistinnen und Journalisten erwartet, sprachlich souverän, distanziert, aber sicherlich kein Meisterwerk. Ein publizistisches Glanzstück ist hingegen die umfassende Recherche Middelhoffs und Fuchs. Diese zeigt auch weniger bekannte Geistesbrüder des rechten Dunstkreises. Darunter die Vorzeigemaler der "Neuen Leipziger Schule" Neo Rauch und Axel Krause.

Lenker, Burschen und Sachsen-anhaltinische Küchen

Der Szeneprominenz hingegen widmet "Das Netzwerk der neuen Rechten" eigene Unterkapitel. In denen zeigen Middelhoff und Fuchs, wie Höcke, Kubitschek, Elsässer und Co. in die Szene kamen, sie lenken und wie eng die Chefideologen miteinander befreundet sind. Immer wieder tauchen dazwischen Einblicke in das Privatleben der Köpfe der Bewegung auf. Diese geben ihnen so viel Charakter, wie es die Wertegrenze des journalistisch Publizierbaren zulässt. Zwar zeigen die beiden Autoren klare Haltung zum Thema gewaltbereite Nazis in Deutschland. Trotzdem stellen sie die Szene sachlich und differenziert dar. Auch in den Kapiteln über den rechten Straßen-, Parlaments- und Kulturkampf.

Dabei erfährt man, wie Kubitschek über Höcke die Radikalisierung der AfD lenkt, rechte Trollarmeen den Diskurs in den sozialen Medien manipulieren und das rechte Lager seine Elite aus Burschenschaften rekrutiert. Alles liest sich wie eine überdimensionierte Sonderausgabe der Zeit über Neorechte. Szenische Einstiege ziehen die Lesenden in den Text und stellen sie dann vor Faktenberge, die teilweise an Vorträge antifaschistischer Bündnisse, nur differenzierter. Unter denen leidet allerdings die Erzählung. Stellenweise verliert man sich etwas in den unzähligen Personen, Organisationen und Magazinen, deren Vernetzungen Middelhoff und Fuchs aufdecken.

Felder wie der (anti-)Feminismus der Patriotinnen schneiden die beiden Autoren Middelhoff und Fuchs nur auf einigen Seiten an. Interessierte lassen sie dadurch häufig mit offenen Fragen zurück. Ein Opfer, das das Buch aufgrund seines Anspruchs auf Gesamtheit bringt. So zieht der Text Lesende in wirklich alle Winkel der Neuen Rechten Deutschlands. Vor allem durch Interviews mit jeder Szenenpersönlichkeit, die mit ihnen reden wollte, zieht das Buch "Das Netzwerk der neuen Rechten" die Lesenden in die Nähe der neurechten Parallelgesellschaft.

Nicht selten findet man sich dann an skurrilen Orten wie einer Sachsenanhaltinischen Küchen wieder, die als Redaktionsraum für einen der größten rechten Internetblogs dient. Solche Kuriositäten täuschen aber nicht über die eigentliche Gefahr der bestorganisierten nationalistischen Bewegung seit 75 Jahren hinweg: Ihr verborgenes Netzwerk, das die rechte Revolution nach einem scheinbaren Masterplan zu lenken scheint und durch anonyme Großindustrielle finanziert wird.

Das offenzulegen macht "Das Netzwerk der neuen Rechten" zu einem Enthüllungsbericht der im Jahr 2019 eigentlich jeden Etwas angeht. Dabei entblößt es die neurechte Szene derart, dass wütende Reaktionen nicht lange auf sich warten lassen werden.

Das Interview als Video:

 

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