Filmkritik

Burning: Schwelendes Filmerlebnis

Für diesen Film gab es beim Festival in Cannes mit einer Wertung von 3,8 von 4 den besten Kritikerspiegel aller Zeiten. Jetzt startet das umjubelte Mystery-Drama "Burning" endlich in den deutschen Kinos.
Szene aus Burning
Jong-soo entdeckt ein düsteres Hobby.

Gibt es sie wirklich? Versteckt sie sich vielleicht einfach nur unter dem Bett oder in einem Schrank? Oder entspringt sie etwa nur der Fantasie? Burning, DAS umjubelte Meisterwerk der Filmfestspiele in Cannes 2018 beginnt mit einem widerspänstigen Haustier, das sich einfach nicht zeigen will. Jong-soo soll die Katze seiner Freundin Hae-mi versorgen, während die zu einer Afrikareise aufbricht. Dabei weiß der junge Mann gar nicht, ob das Tier tatsächlich existiert oder ob man ihm nur übel mitspielt, doch das stört ihn gar nicht, immerhin möchte er seine neue Geliebte nicht enttäuschen.

Aus dem Liebesglück der beiden wird so schnell jedoch nichts, denn Hae-mi kehrt mit einem anderen, undurchsichtigen Mann von ihrer Reise zurück. Der reiche Unbekannte aus Seoul drängt sich zwischen die beiden und scheint ganz eigene Absichten zu verfolgen, ganz zu schweigen von seinem düsteren Hobby. Als sich das unfreiwillig zusammengekommene Trio immer häufiger zu gemeinsamen Unternehmungen trifft, verliert offenbar nicht nur der eifersüchtige Jong-soo zunehmend den Kontakt zur Realität. Auch das Publikum darf in diesem umjubelten Film immer mehr am eigenen Verstand zweifeln. Spätestens dann, wenn Hae-mi spurlos verschwindet.

Murakami im Kino

Aus einer nur wenige Seiten umfassenden Kurzgeschichte des japanischen Bestsellerautors Haruki Murakami hat Regisseur Chang-dong Lee ein weit über zwei Stunden umfassendes Filmrätsel geschaffen, das den Stil und die Atmosphäre seiner Vorlage gekonnt einfängt. Er besinnt sich auf die traumhafte Atmosphäre, auf viele skurrile, unerklärbare Situationen und natürlich geht es auch immer wieder um die Katze, Murakamis Lieblingstier.

Szene aus "Burning"
Jong-soo ahnt Böses.

Das ist manchmal etwas zu schwelgerisch und mit einer konzentrierten Langsamkeit erzählt, Burning ist keine leichte Kost und doch ist man gefangen in diesem Monstrum, das mehrfach das eigene Genre wechselt. Angefangen als heitere Romanze geht es über in einen Mysterythriller und endet schließlich in einem Rachedrama.

In dem magischen Realismus von Burning tauchen Figuren aus dem Nichts auf und verschwinden ebenso spurlos, es wird Jagd auf ausgebüxte Kätzchen gemacht, das titelgebende Feuer-Motiv drängt sich bedrohlich ins Zentrum und das soeben Erlebte muss immer wieder aufs Neue in Frage gestellt werden. Ganz nebenbei holt Regisseur Lee zum großen Rundumschlag gegen den Turbokapitalismus in seinem Heimatland aus, wenn die Reichen mit teuren Autos nur so protzen und zum Abreagieren Gewächshäuser auf dem Land anzünden. Kindheit und Jugend verlieren sich dabei in Perspektivlosigkeit und innerer Leere. Das alles zeigt Burning verpackt in beeindruckend fotografierten, atmosphärischen Bilder von Tänzen im Sonnenuntergang und luxuriösen Interieurs, die die Kamera wie schwerelos erkundet.

Suggestive Spannung

Obwohl der doppelte Boden dieser surrealen Geschichte bis zum Schluss ein Geheimnis bleibt und zahlreiche Fäden ins Leere laufen – man lässt sich gern an der Nase herumführen und ist gespannt, in welche skurrile Situation man als nächstes geworfen wird, auch wenn in Burning auf den ersten Blick gar nicht viel passiert und niemals sicher ist, was hier eigentlich gerade vor sich geht.

Szene aus Burning
Ungleiches Trio

Und doch tut sich da etwas, steckt irgendetwas Böses unter der Oberfläche, das offenbar nur darauf wartet, sich in einem Inferno zu entladen.

Genau in dieser brodelnden, suggestiven Spannung im Stil eines David Lynch entfaltet der Film seine ganze Stärke. Es ist ein Film, den man schwer einer bestimmten Zielgruppe zuordnen und empfehlen kann. Den viele (berechtigt) genial und andere einfach nur stinklangweilig finden werden. Einer, der es niemandem so wirklich recht machen will und den man genau deshalb sehen sollte. Eine der größten asiatischen Kinoüberraschungen der letzten Jahre! Nach dem verstörenden und doch konsequenten Schlusspunkt am Ende der fast zweieinhalb Stunden bleiben Verwunderung, Staunen, wahrscheinlich auch ein wenig Frust. Ganz so, als wäre man gerade aus einem Traum erwacht.

Fazit

Kein leichtes, aber zweifellos ein herausragendes, soghaftes Juwel in diesem Kinojahr, das gekonnt mit der Warnehmung seines Publikums spielt und noch dazu mit jeder Menge Gefühl für seine Charaktere überzeugt.

 

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Janick Nolting
06.06.2019 - 14:02
  Kultur

BURNING

Kinostart: 06.06.2019

Laufzeit: 148 Minuten

FSK 16

Regie: Chang-Dong Lee

Cast: Ah-In Yoo, Steven Yeun, Jong-Seo Jun und weitere

im Verleih von capelight

basierend auf der Kurzgeschichte "Scheunenabbrennen" (1983) von Haruki Murakami, erschienen in der Sammlung "Der Elefant verschwindet"