Berlinale 2019

Ein Berlinale-Nachruf

Die 69. Internationalen Filmfestspiele Berlin sind vorbei und Festivalchef Dieter Kosslick verabschiedet sich. Zurück bleibt ein Gefühl der Leere.
Berlinale
Goldener Bär für das Migrationsdrama "Synonymes"

Der Lotse ist von Bord gegangen. Nach 18 Jahren begibt sich Festivalchef Dieter Kosslick in den Ruhestand. Neben einer enormen Ausweitung des Festivalprogramms und dessen Verteilung über die ganze Stadt hat er die Berlinale zum größten Publikumsfilmfestival der Welt gemacht. Auch 2019, in der 69. Ausgabe des Festivals, sind wieder tausende Menschen in die deutsche Hauptstadt gepilgert, um sich eine Auswahl der rund 400 Filme aus dem Programm anzusehen. Das Kauzige, das Selbstironische wird diesem Festival fehlen. Mit Kosslick verlässt ein echter, einprägsamer Charakter das Festival. Ein Charakter, dem das Filmprogramm im Wettbewerb 2019 eher fehlte.

Goldener Bär für Frankreich

Eine Berlinale der Frauen sollte es sein. Mit Juliette Binoche als Jurypräsidentin, Charlotte Rampling als Ehrenpreisträgerin, dem Eröffnungsfilm der Regisseurin Lone Scherfig (The Kindness of Strangers) oder der von Dieter Kosslick unterzeichneten Erklärung für ein ausgeglichenes Verhältnis von Männern und Frauen, das das Festival 2020 erreichen soll. Eine "Berlinale der Frauen" ist vielleicht etwas hochgegriffen. Vielmehr ist es wieder einmal eine Berlinale der Menschen.

In den 22 Wettbewerbsfilmen ging es quer durch die ganze Welt, wurde der Blick geschärft für gesellschaftliche Missstände. Zu Diskussionen hat auch die 69. Ausgabe des Festivals angeregt - auch wenn diese nicht immer inhaltlicher Natur waren. Das Private ist politisch, lautete das Motto. Im Fall des außer Konkurrenz gezeigten Vice mit Christian Bale als durchtriebener US-Vizepräsident sollte man es eher umdrehen: Das Politische ist privat, wenn unter der Bettdecke Bale und seine Film-Ehefrau Amy Adams als Lord und Lady Macbeth in Shakespeare-Sprache ihre sinisteren Pläne schmieden.

Es war das Highlight im Programm der 69. Berlinale und doch will man es nicht als solches hervorheben, immerhin läuft der Film schon längst in den US-Kinos und wurde wohl eher auf das Festival geholt, um den erhofften Hollywood-Glamour nach Berlin zu bringen. Am Ende gingen die beiden Hauptpreise, der Silberne und der Goldene Bär der Internationalen Jury, an zwei Filme aus Frankreich: das Migrationsdrama Synonymes und By The Grace Of God von Francois Ozon über den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche.

Schwacher Wettbewerb

Mit dem Goldenen Bären-Gewinner Synonymes wurde immerhin einer der interessantesten Filme aus einem Wettbewerb prämiert, der von den gefühlt immer gleichen politisch korrekten und formal uninspirierten Charakterdramen geprägt war. Synonymes erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der sich seine israelische Identität austreiben will - und scheitert. Der Wettbewerb von Dieter Kosslicks Abschiedsfestival ist rückblickend als äußerst durchwachsen zu bezeichnen. Die einzigen beiden wirklich guten Ausreißer nach oben waren der deutsche Systemsprenger und der italienische Paranza dei Bambini, für den es den verdienten Drehbuchpreis gab. 

Berlinale 2019
Drehbuchpreis für "La Paranza dei Bambini"

Da muss man schon froh sein, wenn Filmschaffende wie die Regisseurin Angela Schanelec (Silberner Bär für die beste Regie) mit den Sehgewohnheiten brechen, auch wenn ihr ausgebuhter Ich war zuhause, aber ebenfalls an seiner eigenen künstlich herbeigeführten Sperrigkeit scheitert. Zumindest hat dieses Festival gezeigt, dass über die Zukunft des Kinos diskutiert werden muss. Wie geht man mit den Streamingdiensten um? Brauchen wir körperliches Schockkino wie den Goldenen Handschuh als Ausgleich zur Entspannung auf der heimischen Couch? Wie streng müssen sich Filmschaffende überhaupt an "unsere" Realität halten beim Inszenieren?

Fragen über Fragen, die mal mehr, oftmals eher weniger gut in diesen Wettbewerbsfilmen behandelt werden. Man darf zumindest bei der Programmgestaltung auf radikalere Beiträge, auf den frischen Wind hoffen, den die neue Festivalleitung durch Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek ab 2020 mit sich bringen könnte. Und Dieter Kosslick? Der darf jetzt erst mal im Berliner Zoo entspannen. Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien, schenkte ihm zum Abschied die Patenschaft für eine Brillenbärin. 

 

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Die 69. Internationalen Filmfestspiele Berlin fanden vom 7. bis 17. Februar 2019 statt.