Berlinale 2019

Ein Berlinale - Zwischenruf

Halbzeit bei den 69. Internationalen Filmfestspielen Berlin, der letzten Berlinale unter der Leitung von Dieter Kosslick. Der Großteil der Wettbewerbsfilme hat Premiere gefeiert, also ist es an der Zeit für ein erstes Fazit.
Berlinale 2019
23 Filme laufen im Wettbewerb der 69. Berlinale.

Alles beim Alten könnte man sagen. Alle hacken auf dem Wettbewerbsprogramm der Berlinale herum, jener prominentesten Sektion, die nun einmal im Fokus steht und das in gewisser Weise Konzentrat dieses Festivals bildet. Zugegebenermaßen hat sich der Wettbewerb nach der Hälfte des Festivals keinesfalls mit Ruhm bekleckert. Von den 22 Filmen (der chinesische Beitrag One Second wurde aus bisher ungeklärten Gründen kurzfristig gestrichen) lassen sich diejenigen, die länger im Gedächtnis bleiben könnten, an einer Hand abzählen.

Wenn man früh am Morgen mit tiefen Augenringen aus der ersten Pressevorführung taumelt und einige Gespräche aufschnappt, könnte man glauben, es wäre gerade der schlimmste Film aller Zeiten gezeigt worden. Okay! Ganz so schlimm ist es dann doch nicht.

Der Großteil der bisher gezeigten Wettbewerbsfilme siedeln sich im durchwachsenen Mittelfeld an, scheitern entweder an seinen eigenen Ambitionen oder der inhaltlichen Leere. Vom generischen Journalisten-Biopic (Mr Jones) bis zum langweiligen Heimat-Historienschinken (Out Stealing Horses) war jedenfalls schon einiges dabei, was verzweifelte Blicke auf die Uhr oder gleich direkt die Flucht aus dem Berlinale-Palast provozieren konnte.

Wenig Neues

Wie hat es dieser Film nur in dem Wettbewerb geschafft? Diese Frage hört man fast täglich und natürlich muss man an dieser Stelle feststellen, dass es keinesfalls die besten Filme dieses Festivals sein müssen, die sich hier Hoffnung auf den Goldenen Bären machen dürfen. Manchmal reicht eben auch eine originelle Idee oder besonderes Potenzial zum Polarisieren. Das große Problem dieses Wettbewerbs besteht nur darin, dass diese Ideen entweder zu verkopft und unnahbar geraten sind, wie es etwa bei dem ausgebuhten deutschen Film Ich war zuhause, aber der Fall ist, oder aber so gefällig und zahnlos inszeniert sind (Stichwort Kindness of Strangers), dass man sich über diese enorme Bühne, die den Filmen mit diesem Festival geboten wird, auch für negative Reaktionen sorgt.

Sexistischer Serienmörder

Dass dieser Wettbewerb schnell in Vergessenheit geraten wird, erkennt man allein daran, dass so wirkliche Kontroversen bisher ausgeblieben sind.

Der Goldene Handschuh
Gerda gerät dem Killer in die Fänge.

Selbst Fatih Akins Ekeltheater Der Goldene Handschuh sorgt eher aufgrund seiner dünnen Geschichte für geteilte Meinungen und wird in der Zwischenzeit zur Auseinandersetzung mit Sexismus regelrecht zerpflückt, nachdem Akins unvorsichtig gewählte Aussage, sein Film sei nichts für Frauen, von diversen Medien als knallige Schlagzeile verwendet wurde.
Apropos Sexismus: Die bisher größten Preischancen dürfte der mazedonische Beitrag God exists and her name is Petrunja haben, der sich nach einer wahren Begebenheit rund um ein "gestohlenes" Kreuz auf heitere Art und Weise mit der Diskriminierung von Frauen durch die Kirche und die Männerwelt auseinandersetzt. Daran dürfte auch die Jury unter Führung der Schauspielerin Juliette Binoche Gefallen finden.

Ein Mädchen sie zu knechten

Ein Paradebeispiel zeigt bisher der deutsche Beitrag Systemsprenger über ein "Problemkind", das einfach nicht zu bändigen ist. Dieses aufwühlende Drama bietet alles, was man sich eigentlich von einem starken Wettbewerbsbeitrag wünschen kann: ein überragendes Drehbuch mit mutigen und kontroversen Fragen, mitreißende Charaktere und grandiose schauspielerische Leistungen. Nora Fingscheidt hat damit nach wie vor den bisher besten Berlinale-Film des Jahres abgeliefert.

Szene aus "Systemsprenger"
Benni ist ein Systemsprenger.

Das Thema der Kindererziehung ist neben Fragen um Religion und Geschlechtergleichheit jedenfalls das bestimmende Thema des Wettbewerbs.

In diese Thematik reiht sich auch Claudio Giovannesis starkes Mafiadrama La Paranza Dei Bambini ein, das sich mit Jugendkriminalität in Italien befasst und die jungen Laiendarsteller auf dem Weg in den sozialen Abgrund begleitet. Beide Filme sind jedoch die bisher einzigen Höhepunkte, die hängen bleiben werden. Zumindest wenn man von Adam McKays wilder, für acht Oscars nominierten Politsatire Vice absieht, die dann offenbar doch eher aufgrund des Glamour-Faktors ins Programm aufgenommen wurde.

Schauspielstar Christian Bale, der hier den Vizepräsidenten Dick Cheney verkörpert, ließ bei der Pressekonferenz die Medienvertretenden fast eine Stunde warten. Neben dem Warten auf Christian bleibt schließlich nach wie vor auch das Warten auf ein weiteres filmisches Meisterwerk.

 

Kommentieren

Janick Nolting
13.02.2019 - 17:46
  Kultur

Die 69. Internationalen Filmfestspiele Berlin finden vom 7. bis zum 17. Februar 2019 statt.