Filmkritik

Beautiful Boy: Zäher Entzug

In seinem neuen Spielfilm hat Regisseur Felix van Groeningen ("The Broken Circle") die bewegende Geschichte der Familie Sheff im Kampf gegen die Drogensucht des ältesten Sohnes verfilmt – mit unerwarteter Botschaft.
Szene aus "Beautiful Boy"
Vater und Sohn finden in "Beautiful Boy" wieder zu einander.

Das bin ich. Das ist es, was ich bin. Zwei Sätze, die David Sheff unter keinen Umständen von seinem ältesten Sohn hören wollte und die ihm dieser jetzt in einem Café doch entgegenschmettert. Zu jenem Zeitpunkt hat Sohn Nic seinen ersten Absturz bereits hinter sich: Der Teenager ist süchtig nach Crystal Meth. Für die Familie bricht eine Welt zusammen. Niemand kann und will glauben, was aus dem wohlerzogenen Sohn geworden ist.

Eine Therapie bleibt ohne Erfolg, Nic flieht immer wieder aus der Klinik und wird rückfällig. Über Jahre hinweg kämpft seine Familie verzweifelt gegen seine Sucht, allen voran Vater David, der um das Vertrauen seines Sohnes ringt und an dessen Verfall beinahe selbst zerbricht.

David und Nic Sheff haben beide ihre Erlebnisse zu Papier gebracht, die später zu Bestsellern wurden. Regisseur Felix van Groeningen, der für seinen dramatischen Musikfilm "The Broken Circle" für einen Oscar nominiert war, hat nun die autobiografischen Bücher auf die Leinwand gebracht und sich bei "Beautiful Boy" dazu entschieden, beide Perspektiven, also sowohl die des Vaters als auch des Sohnes, in einem Film zu zeigen.

Starkes Schauspiel-Duo

Van Groeningens Plan ist insofern aufgegangen, dass er sich auf seine zwei wunderbaren männlichen Hauptdarsteller verlassen kann. Steve Carell (The Big Short, Foxcatcher) spielt den Vater, der mit leerem Blick mit den immer neuen Enttäuschungen durch seinen Sohn zu kämpfen hat. Dieser wird von Timothée Chalamet (Call Me By Your Name) so mitreißend gespielt, dass er seinem älteren Kollegen sogar noch überlegen ist.

Szene aus "Beautiful Boy"

Chalamet stürzt sich mit aller körperlichen Kraft, mit einer Verzweiflung und Zerbrechlichkeit in die Rolle des drogenabhängigen jungen Mannes, dass er seinem Ruf als derzeit wohl talentiertester Nachwuchsstar Hollywoods erneut gerecht wird.

Schade, dass sich beide Darsteller so selten in direkten Konfrontationen wie der anfangs erwähnten Café-Szene begegnen, die zweifellos zu den einprägsamsten Momenten des Films gehören und die Männer groß aufspielen lassen. Dazwischen streut Van Groeningen immer wieder Rückblenden in seine Geschichte ein und erzählt von jenen schönen Tagen, in denen das Familienglück noch ungetrübt war. Fröhliche Ausflüge zum Surfen im Meer wechseln sich ab mit tränenreichen Auseinandersetzungen.

Recht schnell stößt in Beautiful Boy – der Titel geht auf den gleichnamigen Song von John Lennon zurück – das Konzept der doppelten Buchverfilmung jedoch an ihre Grenzen, denn so beschwerlich, wie der Drogenentzug der Hauptfigur voranschreitet, so beschwerlich wird es auch für das Publikum.

Teufelskreislauf

Man muss dem Regisseur hoch anrechnen, dass er in Beautiful Boy auf allzu drastische Schockbilder von dreckigen Spritzen und entzündeten Armen weitgehend verzichtet, sondern sich stattdessen eher auf das Familiendrama konzentriert. Das ist hingegen so träge, so endlos in die Länge gezogen, dass statt Tränen der Rührung eher immer häufigere Blicke auf die Uhr dominieren. Sohn nimmt Drogen, Sohn versucht es mit Therapie, Sohn wird rückfällig, Sohn büxt aus, Vater will ihn zurückholen. Dieses Szenario ordnet Van Groeningen gefühlt zehnfach aneinander und zeigt es immer wieder von vorne und doch führt alles zu keinem neuen Ergebnis.

Szene aus "Beautiful Boy"

Das ist einerseits eine konsequente Inszenierung dieses Drogenkreislaufes, aus dem Nic Sheff einfach nicht herauskommen kann, jedoch auf die Dauer von zwei Stunden extrem ermüdend und repetitiv.

Viel hat Beautiful Boy nicht zu erzählen. Überraschend ist dabei höchstens, dass es hier keine einfache Lösung, keine motivierende Genesung mehr geben kann. Nein, dieses Drama erzählt nicht vom Weg zurück in das geordnete Leben, sondern davon, wie die Angehörigen und die Betroffenen ihr schweres Schicksal akzeptieren müssen.

Manche Schicksalsschläge müssen einfach angenommen werden, um nicht selbst daran zugrunde zu gehen, so das wenig aufmunternde Fazit dieses Dramas, das sich mit den obligatorischen eingeblendeten Statistiken im Abspann dann doch noch vollends zum weinerlichen Lehrfilm emporschwingt.

Die anfangs nüchterne Erzählweise weicht insbesondere in den letzten Minuten sich immer weiter steigernden Tränendrüsen-Momenten, die van Groeningen notfalls auch mit Opernarien unterlegt, wenn es ganz dramatisch werden soll. Ja, die Tränen können bei Beautiful Boy tatsächlich zur Genüge fließen und die herausragend gespielte Schlusssequenz gehört zu den herzzerreißendsten Momenten der letzten Kino-Monate. Das entschuldigt jedoch nicht den unerträglich langatmigen Mittelteil.

Fazit

Beautiful Boy ist eine ambitionierte, berührende Auseinandersetzung damit, wie eine Familie an der Drogensucht zerbricht. Regisseur Felix van Groeningen hat die Geschichte jedoch nach bereits einer guten Stunde auserzählt, danach folgt die Langeweile.

 

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Janick Nolting
25.01.2019 - 14:24
  Kultur

Beautiful Boy

Kinostart: 24. Januar 2019

Laufzeit: 120 Minuten

FSK: 12

Regie: Felix van Groeningen

Drehbuch: Luke Davies, Felix van Groeningen

Cast: Steve Carell, Timothée Chalamet, Maura Tierney u.a.

Der Film basiert auf den Büchern "Beautiful Boy" von David Sheff und "Tweak" von Nic Sheff.