Rotes Sofa: Barbora Schnelle

Von Masochisten und Mamma-Guerillas

Barbora Schnelle bringt das tschechische Theater nach Deutschland. Im ersten Band einer neuen Buchreihe veröffentlicht sie neun Theaterstücke aus ihrem Geburtsland und gibt einen vielseitigen Einblick in die Dramatik des Buchmesse-Gastlandes.
Redakteur Janick Nolting im Gespräch mit Autorin Barbora Schnelle.
Redakteur Janick Nolting im Gespräch mit Autorin Barbora Schnelle.

Das Gespräch zum Nachhören findet ihr:

Ein Masochist ist gefangen in den Mühlen der modernen Arbeitswelt, ein Politiker bereitet seinen letzten Gänsebraten zu und auf einem fernen Planeten wird die Mutterschaft im 21. Jahrhundert besungen. Mit jedem der neun Stücke in der Anthologie Von Masochisten und Mamma-Guerillas wächst die Verblüffung über die thematische und stilistische Vielseitigkeit. Ihre Herausgeberin und Übersetzerin Barbora Schnelle versucht schon seit mehreren Jahren erfolgreich, dem deutschen Publikum das Theater aus Tschechien zugänglich zu machen, den Blick zu erweitern auf die Kunst- und Kulturszene der Nachbarländer.

Schnelle ist Theaterwissenschaftlerin, Kritikerin und Übersetzerin, promovierte mit einer Arbeit über die Stücke Elfriede Jelineks, bevor sie 2009 Drama Panorama gründete, das Forum für Übersetzung und Theater. Seit 2014 veranstaltet Schnelle zudem Ein Stück: Tschechien in Berlin, ein Festival für tschechische Gegenwartsdramatik. Im ersten Band der Drama Panorama-Buchreihe mit dem wilden Titel Von Masochisten und Mamma-Guerillas hat sie nun neun Theaterstücke des Festivals zusammengetragen und in deutscher Textfassung veröffentlicht.

Die Mischung macht´s

Man müsste an dieser Stelle auf jedes der neun Stücke einzeln eingehen, um dem Band gerecht zu werden, deshalb sei nur so viel gesagt: Von Masochisten und Mamma-Guerillas ist eine regelrechte Wundertüte, die viele Anregungen enthält, wie modernes Theater funktionieren kann. Da gibt es einerseits ein Stück wie Sticken und Ersticken von Eva Prchalová, eine bitterböse Satire um zwei Ehepaare, die sich gehörig an die Gurgel gehen. Ein Vergleich zum Gott des Gemetzels drängt sich unweigerlich auf.

An anderer Stelle gibt es dann den Geheimbericht vom Planeten der Mütter, ein grotesker, herausfordernder Wortschwall; ein gewaltiger Choral, vorgetragen von Frauen, die über die Rolle der Mutter in unserer Gesellschaft sinnieren. Die Mutter als Fürsorgende, als Schönheitskönigin, als Getriebene, als Gefangene, als Hexe. Und dann drängt sich natürlich auch die Vergangenheit in den Vordergrund. Von Masochisten und Mamma-Guerillas zeigt auch, wie die Dramatik immer noch zur Aufarbeitung der Geschichte dienen kann, wenn in Tomás Vujteks düsterem Stück Die Anhörung SS-Offizier Adolf Eichmann sein Leben Revue passieren lässt, während er quasi auf den Einlass in die Himmelspforte wartet.

Universale Probleme

Bei all der thematischen und stilistischen Vielfalt  vom klassischen Dialog zum Monolog über den Chorgesang  bleibt jedoch auch die Frage, ob sich diese Themen des tschechischen Theaters wirklich so stark vom Rest dessen unterscheiden, was auf europäischen Bühnen abseits von Hamlet und Faust gespielt wird. Nein, natürlich nicht! Es sind keinesfalls Themen, die ausschließlich die tschechische Gesellschaft betreffen. Fragen nach Emanzipation, nach der Konfrontation mit dem Vergangenen, oder auch einer Definition von Heimat, die offenbar neu verhandelt werden muss, sind zweifellos universal.

Gerade deshalb lohnt sich die Auseinandersetzung mit dieser Anthologie. So ungewöhnlich und befremdlich es für einige auch sein mag, in der Freizeit zu einem dramatischen Text zu greifen: Das "Theater im Kopf", wie es Barbora Schnelle und Matthias Naumann im Vorwort herbeiwünschen, kann ebenso bereichernd sein wie der klassische Roman. Der Blick auf die Bühnen unserer Nachbarländer zeigt hier, dass wir im Kern doch alle von den gleichen Fragen und Problemen (an)getrieben werden.

 

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Über die Autorin

Barbora Schnelle eine tschechische Theaterwissenschaftlerin, Kritikerin und Übersetzerin. Nach ihrer Promotion an der Masaryk Universität in Brno zog sie schließlich nach Berlin, wo sie 2009 Drama Panorama gründete und seit 2014 das Festival tschechischer Gegenwartsdramatik veranstaltet. 

Von Masochisten und Mamma - Guerillas

hrsg. von Barbora Schnelle

erschienen im Neofelis Verlag

413 Seiten

Erscheinungsdatum: 22.05.2018

weitere Infos zum Buch auf der Website des Verlags