Filmkritik

Ballon: Bully macht ernst!

Mit "Der Schuh des Manitu" hat er einen der erfolgreichsten deutschen Filme aller Zeiten geschaffen. Jetzt wendet sich Michael Bully Herbig von der Comedy ab und präsentiert mit "Ballon" seinen ersten Thriller.
Szene aus "Ballon"
Familie Strelzyk wagt die Flucht

Mit 50 Jahren will sich Michael Bully Herbig noch einmal neu erfinden. Das hatte der Komiker auch bitter nötig, denn schaut man sich sein letztes komödiantisches Machwerk Bullyparade - Der Film an, so blieb es da lediglich bei einem gescheiterten Versuch, die guten alten Zeiten vom Schuh des Manitu oder dem Weltraumklamauk (T)Raumschiff Surprise noch einmal heraufzubeschwören. Was also tun, wenn man als Regisseur in der deutschen Filmbranche mal etwas Frischluft schnuppern und trotzdem gleichzeitig einen Erfolg landen will? Na klar, man dreht einen Film über die DDR, dem Lieblingsthema des filmischen öffentlich-rechtlichen Abendprogramms. Das ist schon sehr auf Nummer sicher geplant, überrascht aber umso mehr durch routiniert inszenierte Spannung.

Kinoredakteur Janick Nolting im Gespräch mit Moderator Nico van Capelle über "Ballon"
Kinoredakteur Janick Nolting im Gespräch mit Moderator Nico van Capelle über "Ballon"

Flucht per Heißluftballon

Ballon rekonstruiert die wohl spektakulärste Fluchtaktion aus der DDR. Im Jahr 1979 wollen die Familien Strelzyk und Wetzel ihren Traum von der Freiheit verwirklichen und schmieden einen waghalsigen Plan: Per Heißluftballon will man unbemerkt von Thüringen aus über die Grenze in den Westen fliegen. Der erste Versuch schlägt fehl, der Ballon stürzt

Szene aus "Ballon"
Konspirative Pläne im Keller

wenige Meter vor dem Ziel ab. Familie Strelzyk kann fliehen, aber die Staatssicherheit hat bereits ihre Fährte aufgenommen. Nun steht man also vor der schwierigen Wahl, entweder die Zeit abzusitzen, bis man gefunden und verhaftet wird, oder aber schnell zu handeln und einen weiteren Fluchtversuch zu wagen.

Direkt in der ersten Szene zeigt Herbig Aufnahmen der Grenze bei Nacht, während im Hintergrund Pionierlieder gesungen werden und es bedrohlich auf der Tonspur grummelt. Solch eine Szene hätte auch der Beginn eines Horrorfilms sein können und bildet nur den Auftakt für eine erschreckend schlicht gestaltete Auseinandersetzung mit dem Leben in der DDR, inklusive aller bekannter Klischees und Stereotype. Während Andreas Dresens Gundermann ein positives aktuelles Beispiel darstellt, wie man sich differenziert mit der deutsch-deutschen Vergangenheit in einem Film auseinandersetzen kann, bleibt es in Ballon bei einem plumpen Fingerzeig.

Solides Spannungskino

Für eine tiefgreifende Aufarbeitung der Geschichte taugt Ballon recht wenig, für unterhaltsames Spannungskino dafür umso mehr. Auch in dieser Hinsicht muss man Abstriche machen, denn Michael Bully Herbig bedient sich so ziemlich sämtlicher Klischees, die das Thrillergenre jemals hervorgebracht hat. Da werden Szenen bewusst so zusammengeschnitten, dass das Publikum auf eine falsche Fährte gelockt wird und der gute alte Horrorfilm-Jumpscare darf auch nicht fehlen, wenn am Auto die Motorhaube nach unten geklappt wird und der Stasi-Mitarbeiter zu lautem Knallgeräusch plötzlich dahintersteht.

Ballon steigt glücklicherweise ohne große Exposition direkt ein und legt ein atemloses Tempo an den Tag, das bis zum Schluss der zwei Stunden Laufzeit nicht mehr abreißt. Obwohl bekannt ist, wie die Geschichte endet, fiebert man durchweg mit den beiden Familien mit. Das überzeugende Ensemble um Friedrich Mücke, Karoline Schuch und David Kross trägt seinen Teil dazu bei. Wenn Familie Strelzyk in Berlin versucht, unbemerkt in die amerikanische Botschaft zu gelangen oder später zu dröhnendem Score die Helikopter über den Wald kreisen und nach den Flüchtenden suchen, könnten diese Szenen auch aus einem amerikanischen Spionagethriller stammen. Besonders hoch anrechnen muss man Ballon darüber hinaus, dass er mit großem Aufwand ausgestattet ist und der Film audiovisuell wahrlich Kinoformat besitzt, was insbesondere im deutschen Kino keine Selbstverständlichkeit ist.  

Fazit

Michael Bully Herbig hat nach einer Reihe mittelmäßiger Komödien mit Ballon kein schlaues, aber dafür äußerst mitreißendes Spannungskino geschaffen. Feuertaufe bestanden!

 

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Ballon

Regie, Drehbuch: Michael Bully Herbig

Laufzeit: 120 Minuten

FSK 12

Kinostart: 27.09.2018

Cast: Karoline Schuch, Friedrich Mücke, David Kross, Alicia von Rittberg, Thomas Kretschmann und andere