Filmkritik

Avengers 4: Endgame ohne Ende

Seit elf Jahren ziehen Disney und Marvel die Massen auf der ganzen Welt mit ihren Comicverfilmungen in die Kinos. In "Avengers 4: Endgame" kommt die Geschichte um Thor, Iron Man, Captain America und Co. zum vorläufigen Ende. Oder doch nicht?
Avengers: Endgame
Die letzten Rächer versammeln sich im Endgame.

Hinweis: Die Filmkritik wird auf größere Spoiler verzichten. Wer im Vorfeld jedoch gar nichts über das Grundkonzept der Geschichte wissen will, sollte den Artikel erst nach dem Kinobesuch lesen.

Ein Fingerschnipsen und dann war alles vorbei. Mit Infinity War wurde 2018 das große Finale des ungebrochenen Kassenmagnets rund um die Avengers eingeläutet. Der böse Titan Thanos hatte damals alle Infinity-Steine gesammelt und als mächtige Waffe missbraucht, um auf einen Schlag die Hälfte aller Lebewesen auf der Erde auszulöschen. So mussten die Fans ansehen, wie am Schluss in einem wahrhaft furchteinflößenden Cliffhanger auch der Großteil der bekannten Superheldentruppe zu Staub zerfiel, darunter der sprechende Baum Groot, Black Panther, Doctor Strange, Spider Man oder auch der von Samuel L. Jackson gespielte Nick Fury, quasi der Schirmherr der Helden.

Szene aus "Avengers: Endgame"
Thor trauert

Endgame gibt sich alle Mühe, diesen düsteren Tonfall fortzuführen und beginnt mit den unbequemen Nachwehen des Krieges. Im Garten trainiert Hawkeye (Jeremy Renner) mit seiner Tochter das Bogenschießen, im nächsten Moment hat auch sie sich in Luft aufgelöst. In den ersten Minuten dieses finalen Films dominieren Trauer und Depression. Hier geht es um Verlust, um ein düsteres Schicksal, das nicht mehr verhindert werden kann, und für einen kurzen Moment lässt Marvel durchschimmern, welche Tragik, welches Gefühl in diesem Franchise theoretisch möglich gewesen wäre, wenn das über dem Franchise schwebende Gespenst namens Kommerz nicht immer wieder auf die gleiche ermüdende Formelhaftigkeit zurückgegriffen hätte.

Ein Schmetterlingseffekt?

Wenn die wenigen verbliebenen Avengers einmal versammelt sind, muss beraten werden, wie man den bösen Thanos nun doch noch besiegen kann. Das Handlungskonstrukt, das sich in den drei Stunden (der bisher längste Marvelfilm!) entfaltet, hebt sich stark von den bisherigen Einträgen der Filmreihe ab. Dieses Endgame besticht weniger durch bombastische Action, wie es noch der Vorgänger getan hat, sondern ist eher ein Abgesang auf seine Charaktere, die hier fast alle noch einmal ihren großen Auftritt verpasst bekommen und mit ihren eigenen Dämonen konfrontiert werden, selbst wenn dieser Dämon nur die Angst vor dem Versagen in der eigenen Vaterrolle ist, wie im Falle von Tony Stark alias Iron Man. Dieser Mut zur Menschlichkeit, die reduzierte Action und das rechte Maß an Humor ist in diesem Film die größte Überraschung und gelingt besser als in vielen Vorgängern.

Avengers Endgame
Iron Man in der Falle

Tatsächlich hat man die Comichelden wohl noch nie so greifbar und emotional erleben können, wie in diesem turbulenten Abschluss des Marvel Cinematic Universe.. Das könnte auch die Herzen derer erweichen, die in den vergangenen Jahren die Reihe kritisiert haben, wäre die Geschichte per se nicht so dermaßen abstrus, vollgepackt und teilweise doch erschreckend langweilig und unbeholfen erzählt. Das Zeitreise-Abenteuer im Endgame folgt keiner inneren Logik, Dinge geschehen einfach. Zeitreisen sind ohnehin ein heißes Eisen für alle Drehbuchautoren und -autorinnen dieser Welt, aber etwas mehr Einfallsreichtum und Fallhöhe darf es dann doch sein! Hier springen wir zurück in bekannte Ereignisse, da tauchen alte Figuren auf, ein paar schnelle Schocks gibt´s noch obendrauf, echte Konsequenzen hat das alles sowieso kaum.

Viel Lärm um nichts

Endgame ist im Mittelteil eine einzige mit Tunnelblick beobachtete Nummernrevue, die in ihrer Unübersichtlichkeit von Schauplatz zu Schauplatz, Szene zu Szene springt, in der kaum ein Zahnrad in das andere übergreift, was die gesamte Glaubwürdigkeit und mit ihr die Spannung ruiniert. Echte Verluste gab es in der Reihe eh selten zu beklagen. Der größte Verlust ist hier lange Zeit noch, dass die zuletzt per eigenem Solofilm eingeführte Captain Marvel zwischenzeitlich vom Drehbuch komplett vergessen wird.

Der Rost an der glänzenden Superheldenrüstung frisst sich weiter durch diese Reihe an oftmals allzu generischen Superheldenseifenopern, die in einem ewigen Kreislauf aus Werden und Vergehen gefangen scheint. Ein Feind kommt, ein Feind geht, zwischendurch prügelt man sich untereinander, neue Helden kommen hinzu und am Ende ist doch wieder alles auf Null gesetzt. Wunden geleckt, nächster Film! 

Fanfiction zum Abschluss

So wirklich mitfiebern mag man in diesem Finale nicht. Dafür ist der Ausgang der Geschichte allzu berechenbar, der Weg dahin zu langatmig und orientierungslos. Jegliche Ambivalenz, die im letzten Teil mit den Motiven des Fieslings Thanos noch aufblitzte, lässt Marvel wieder vermissen, ernsthafte Tragik wird dem Überfluss an oftmals eher verpuffenden Ereignissen zum Fraß vorgeworfen.

Avengers Endgame
Rocket ist auch wieder mit dabei

Wo sich Infinity War noch wie ein echtes Finale angefühlt hat, in dem man kurzzeitig den Eindruck haben konnte, es würde tatsächlich ausnahmsweise um Leben und Tod gehen, schwimmt Endgame weitgehend eher im Fahrwasser einer lockeren Fanfiction und erscheint wie ein überlanger Epilog zu der endlos aufgeblasenen Superheldenmär, ehe es im Finale nochmal wortwörtlich krachen muss. Das munter vor sich hinbrabbelnde Epos um Wundersteine und gescheiterte Männlichkeit gipfelt doch noch im apokalpytischen Krawall-Schlachtenpanorama. Weniger Hiernoymus Bosch, mehr Videospiel.

Finale Punktlandung

Dass für einige Verstorbene schon vor Endgame offiziell ein neuer Solofilm angekündigt wurde, ist in Hinblick auf Spannung und Trauergefühle dabei ohnehin eher kontraproduktiv. Der Zielgruppe wird das nostalgische Gipfeltreffen gefallen, wer nach echter emotionaler Herausforderung sucht, wird mit den Zähnen knirschen. Wundersam, dass Endgame dann tatsächlich einen gekonnten Bogen zum starken Auftakt schlägt und einen Schluss herbeizaubert, der alle Fans befriedigt zurücklassen dürfte.

Der Sack mit den Helden und Kindheitserinnerungen wird einigermaßen kunstvoll endlich zugeschnürt. In ihm befinden sich noch einmal alle Aspekte, für die man diese Filme lieben, aber auch hassen kann. Ein Ende für das MCU? Wohl kaum. Eher hat man nach diesem reißerisch umworbenen Endspiel, das so viele Opfer fordern sollte, den Eindruck, als könne es auch noch jahrelang so weitergehen, vorausgesetzt die perfekt gestylten Frisuren des Ensembles sitzen noch.

Fazit

Ein respekteinflößendes Mammutprojekt geht zu Ende. Avengers 4: Endgame rundet die über 20 Filme überzeugend ab und überschüttet das Publikum mit jeder Menge Fanservice und Nostalgie. Die absurde Geschichte raubt der Reihe jedoch (bis auf wenige Ausnahmen) auch noch die letzte Aussicht auf ernstzunehmende Dramatik und lässt Endgame hinter den bisherigen drei Avengers-Filmen zurückfallen.

 

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Janick Nolting
24.04.2019 - 16:57
  Kultur

Avengers 4: Endgame

Kinostart: 24. April 2019

FSK 12

Laufzeit: 182 Minuten

Cast: Chris Hemsworth, Robert Downey Jr., Chris Evans, Bradley Cooper, Scarlett Johansson, Brie Larson, Mark Ruffalo, Karen Gillan und weitere

Regie: Anthony Russo, Joe Russo

Drehbuch: Christopher Markus, Stephen McFeely

Website des Films