Kolumne

Arbeitendenkampf in der Straßenbahn

Die Kolumne. Immer freitags und immer mit den guten Fragen der Woche. Diesmal: Max Brose über Krankschreibungen, japanische Busfahrer und die Internationale.
Kolumne, Symbolbild, Redaktion
Was ist diese Woche passiert? Unsere Kolumnisten und Kolumnistinnen haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.

Die Kolumne zum Nachhören findet ihr hier:

"Geschichten aus der Straßenbahn" - eine Kolumne von Max Brose
Kolumne 1412

Hören Sie mal, Sie haben doch auch gerade zwanzig Minuten auf die Acht gewartet oder?

Ja

Was soll der Scheiß denn, die fährt schon nicht am Abend. Jetzt muss man auch noch tagsüber zwanzig Minuten auf die Linie warten. Und das ständig, immer muss ich warten. Können die Luschen von der LVB nicht einmal pünktlich sein?

Na ja, nach neuem Fahrplan fährt die Acht nur noch alle zwanzig Minuten, genau wie die Linien zwei und Zehn. 

Ja das habe ich wohl gemerkt. Wissen Sie, die Zwei fährt mich immer zu meinem Hausarzt. Jetzt darf ich an der Haltestelle länger warten als im Wartezimmer.

Naja im Wartezimmer könnten sie dann vielleicht ein paar Bahnfahrer von der LVB treffen. Denn am Mittwoch berichtete die LVZ, mehr als fünfzehn Prozent der Tramfahrer und Fahrerinnen sind derzeit krankgeschrieben. Wohl, weil sie die Arbeitsbedingungen bei den Leipziger Verkehrsbetrieben nicht mehr ertragen. Trotz 110 Neuanstellungen im vergangenen Jahr bleibt die Personalsituation derart prekär, dass Angestellte freie Tage extrem früh beantragen müssen. Und wenn man mal darüber nachdenkt, mit welcher Geschwindigkeit die Straßenbahnen in Leipzig durch die Kurven brettern, kann man vielleicht abschätzen, wie eng der Zeitplan des Trampersonals sein muss.

Ja wenn die keine Leute haben, dann muss doch die Politik mal was machen.

Ja tatsächlich hat die Piratenpartei schon 2017 auf die katastrophalen Personalzustände in der Bahn aufmerksam gemacht. Seitdem hat sich der Anteil Fahrtenausfälle aber fast verdoppelt. Und jetzt sind der Stadt bei Ihrem städtischen Unternehmen anscheinend ein wenig die Hände gebunden. Das hat Oberbürgermeister Burkhard Jung am Mittwoch im Stadtrat mitgeteilt. Leipzig hat nämlich keinen Einfluss auf die Gesellschaftsverträge mit den Leipziger Verkehrsbetrieben. Und eine Lösung ist auch nicht in Sicht.

Ja und dafür bezahle ich 2,70 € für eine Fahrt. Wissen Sie, wie viel das noch vor 15 Jahren gekostet hat?

Ne,

1,30 €. Das sollten die sich mal auf die Wagen schreiben: Leipziger Verkehrsbetriebe Mehr als doppelt so teuer in nur fünfzehn Jahren.

Ja, ich bin ja sowieso für kostenlosen öffentlichen Nahverkehr.

So wie in… hier, du weißt schon.. Lettland?

Luxemburg meinen Sie, oder? Oder auch wie in Tallin. In der estländischen Hauptstadt leben ungefähr so viele Menschen wie in Leipzig. Die haben 2013 die Parkgebühren erhöht und mehr Steuern auf Einkommen berechnet und schon konnte sich die Stadt die kostenlosen Tickets leisten. So eine radikale Lösung wäre aber sicher zu sozial für unseren sozialdemokratischen Bürgermeister. Aber wenn hier die Preise schon steigen, sollten die Arbeitsbedingungen bei den LVB zumindest auch verbessert werden.

Ja und was wollen die da machen? Sollen die etwa streiken, wie bei der Bahn? Dann kommen wir ja nirgendwo mehr hin.

Ja schon streiken, aber nicht wie das die Eisenbahngewerkschaft gemacht hat. In Japan haben Busfahrer gestreikt, indem sie für ihre Fahrt einfach kein Geld berechnet haben. Das ist doch eine Möglichkeit. Es ist Streik und keiner zahlt. Die Busfahrer und Fahrerinnen lassen alle rein, ohne aufs Ticket zu schauen, das Trampersonal legt die Fahrkartenautomaten lahm. Arbeitskräfte und Fahrgäste vereinigen sich und kämpfen Faust an Faust für Arbeitsrechte und bezahlbaren Nahverkehr. Gemeinsamer Kampf fürs Volk. Revolution funktioniert nur wenn die bestehenden Systeme wanken, und die LVB wankt gewaltig. Lass uns…

So das ist meine Haltestelle, ich muss hier jetzt auch aussteigen.

Ah, ja natürlich, einen schönen Abend noch.

 

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