Filmkritik

Aladdin: Ein Fall für den Teppichklopfer

Der Geist wird wieder aus der Flasche gelassen! Disney setzt seine Reihe von Neuverfilmungen fort und bringt die Abenteuer von Aladdin und seiner Wunderlampe als Live Action - Version erneut auf die Leinwand.
Szene aus "Aladdin"
Aladdin soll die Wunderlampe aus der verfluchten Höhle stehlen.

Was wurde nicht schon im Vorfeld diskutiert über diese Neuverfilmung. Da reichte bereits ein einzelnes Bild des blaugefärbten Will Smith als Flaschengeist, um jede Menge Spott in den sozialen Netzwerken zu ernten. Umso erstaunlicher ist es, dass dieser Shitstorm recht schnell verstummen dürfte, denn Will Smith als Dschinni ist zweifelsohne der eigentliche Star dieses Films.

Szene aus "Aladdin"
Dschinni gibt Aladdin Nachhilfe.

Lange Zeit war es um den Schauspieler und Musiker eher ruhig geworden, doch in Aladdin gelingt ihm in dieser tricksterhaften Rolle ein verblüffend überzeugendes Comeback. Er spielt den blauen Wünscheerfüller, abgesehen von einigen überflüssigen Meta-Gags, mit jeder Menge Coolness, Gewitztheit und Dynamik, schlägt sich wacker in den Musicalnummern und das fast ganz ohne bloßes schrilles Gekeife oder schräge Grimassen.

Sein Gegenüber, der Nachwuchsdarsteller Mena Massoud, schlägt sich in der Titelrolle als Aladdin ebenfalls solide. Sein gewitzter Charme, die latente Naivität und andererseits die schmierige Überheblichkeit, all das bringt der Kanadier überzeugend auf den Punkt. An seiner Figur und der Geschichte selbst hat sich nichts geändert. In diesem Disney-Remake geht es einmal mehr in die arabische Stadt Agrabah, wo sich Aladdin als Gauner durch die Straßen schlägt. Seine Lebenseinstellung? Wenn dir nichts gehört, dann verhalte dich so als würde dir alles gehören. Dieser Satz aus dem Munde einer Figur der Disney-Studios, die mittlerweile gefühlt Monopolstellung in Hollywood anstreben, ist in diesem Jahr ebenso geschmacklos und albern wie zuletzt die Konsumkritik in der Dumbo - Realverfilmung.

Prinzessinnenraub

Während der Freigeist Aladdin nach Höherem strebt, sehnt sich Prinzessin Jasmin, die Tochter des Sultans, derweil nach einem Ausbruch aus dem goldenen Käfig, nach dem Profanen. Immer wieder tauchen skurrile Brautwerber im Palast auf, um die junge Schönheit zur Frau zu nehmen. Der Rest ist bekannt: Aladdin verguckt sich in die Prinzessin, als diese inkognito auf dem Basar unterwegs ist, und will sie beeindrucken, wobei ihm schon bald die berühmte Wunderlampe mit Flaschengeist helfen soll, die er aus einer verfluchten Höhle entwendet.

Szene aus "Aladdin"
Jasmin und der Sultan werden bedroht.

Hinter der ist jedoch auch der böse Zauberer Jafar her, der mit ihr die Macht an sich reißen will. Dass Aladdin wie ein gruseliger Stalker jederzeit am Fenster oder am Balkon der Prinzessin auftaucht, entlockt heute zumindest ein amüsiertes Lächeln. Wenn er seiner Angebeteten auf dem alten, fliegenden Teppichvorleger schließlich die "Ganz Neue Welt" zeigt und sich zum Erlöser der eigentlich schlagfertigen jungen Frau emporschwingt, zeigt sich hingegen, dass diese Art von Kitsch im Jahr 2019 doch langsam fehl am Platz erscheint. Eine rührende oder glaubhaft erzählte Liebesgeschichte sieht anders aus! Spätestens im Finale klopft sich Disney dann doch noch einmal auf die eigene Schulter und lässt die Frauenpower los, auch wenn jede einzelne Nebenfigur bis zuletzt blass bleibt. Jasmin darf zwar im Finale kurzzeitig aus ihrer Haut fahren und in einem neu komponierten Song ihre Selbstbestimmtheit besingen, was eher an den Disney-Hit Die Eiskönigin erinnert, ansonsten hat diese Neuverfilmung von Aladdin dem Stoff aber erwartungsgemäß kaum Neues abzugewinnen. Den Film aus der Sicht von Prinzessin Jasmin zu erzählen, wäre tatsächlich ein mutiger und erfrischender Schritt gewesen, doch dafür fehlt dann doch die Lust am Risiko.

Karneval in Rio

Dass dieses Remake von Regisseur Guy Ritchie (Snatch, Sherlock Holmes) lieblos inszeniert ist, kann man ihm dennoch nicht vorwerfen, denn Aladdin ist immerhin eindrucksvoll bebildert. Die prunkvollen Kostüme und die detailverliebt gestalteten Sets – egal ob Basar, die kleinen Gassen von Agrabah oder das Innere des Palastes – lassen erahnen, wohin der Großteil des Budgets geflossen ist. Nimmt man die aufwendige Ausstattung und kombiniert sie mit sehr mittelmäßigen Computereffekten, wie es in Aladdin allzu oft der Fall ist, entsteht jedoch eine ebenso befremdliche wie sterile Optik, die den fabulösen Orient nicht wie ein lebendiges Universum, sondern lediglich wie ein teures Filmset aussehen lässt.

Szene aus "Aladdin"
Aladdin ist ein Kind der Straße.

Das ist auch der Grund, weshalb es ab den ersten Minuten eher schwer fällt, sich diesem Film zu öffnen und in seine Welt einzutauchen. Der computeranimierte Zauberteppich ist da nur ein Detail von vielen, die dafür sorgen, dass Aladdin in einigen Momenten wie ein Videospiel aussieht und in anderen wie ein Kostüm-Schaulaufen vor unechten Hintergründen.

Auch die Gesangsnummern lassen diesen Aladdin weniger wie ein Musical wirken, sondern eher wie ein Fantasy-Märchen, in dem gelegentlich durchschnittliche Musikvideos zwischengeschnitten werden. Höhepunkt ist dabei noch Will Smiths Performance von "Prinz Ali", die mit Pauken und Trompeten, einem Massenauflauf an Statisten und gefühlt einem halben Zoo zelebriert wird, bei der man sich beim knallbunten brasilianischen Straßenkarneval wiederzufinden glaubt. Wahrscheinlich ist es mittlerweile langweilig, den wiederkehrenden Vergleich zu der Zeichentrickvorlage zu ziehen, aber es fehlt diesem Film einfach an eigenem Charme, an Emotion und an Lebendigkeit. Das ändert sich bis zum ausufernd trashigen Actionfinale nicht, wenn die Helden vor einem gefräßigen, fliegenden Monsterpapagei fliehen. Alle Erwachsenen, die ihre Kindern in den Film begleiten, dürften sich dabei vielleicht wenigstens an die jüngsten Ereignisse der Serie Game of Thrones zurückerinnert fühlen.

Fazit

Die Neuauflage von Aladdin schwankt optisch zwischen Bombast und Befremdlichkeit, glänzt mit einem bestens aufgelegten Will Smith, vergisst ansonsten aber zu oft, den altbekannten Stoff zu entstauben. Den Kinosaal verlässt man gleichgültig.

 

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Janick Nolting
22.05.2019 - 18:08
  Kultur

ALADDIN

Regie: Guy Ritchie

Drehbuch: Guy Ritchie und John August

Laufzeit: 128 Minuten

FSK 6

Kinostart: 23. Mai 2019

Cast: Will Smith, Mena Massoud, Naomi Scott, Marwan Kenzari, Nasim Pedrad und weitere

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