Filmkritik

LUZ: Deutsches Genre - Highlight

Der gebürtige Leipziger Tilman Singer sorgt für ordentlich Aufsehen in der Kinolandschaft! Sein erster Langfilm "LUZ" ist eine waschechte Herausforderung für das Publikum und zugleich ein Lichtblick für das deutsche Genrekino.
Szene aus "Luz"
Eine Hypnosesitzung außer Kontrolle

Wie in Zeitlupe betritt die junge Frau namens Luz die Polizeiwache. Im Hintergrund ertönen die sphärischen Synthesizer - Klänge von Simon Waskow. Alles scheint sich im Stillstand zu befinden, einen Zustand den Regisseur Tilman Singer in seinem überragenden Kinodebüt noch mehrfach heraufbeschwören wird. Allein das äußere Erscheinungsbild seiner Bilder vermag zu verunsichern: Singer hat LUZ komplett auf 16mm Film gedreht, die Aufnahmen sind krisselig, dreckig, schmierig, fernab der Optik, die man vom heutigen Horrorkino sonst gewohnt ist.

Generell ist Tilman Singers Studienabschluss-Film mit kaum etwas vergleichbar, das das Genrekino in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Doch der Siegeszug beweist die unbändige Faszination, die dieser Film ausstrahlt. Von der Berlinale über das Fantasy Filmfest durfte Singer durch zahlreiche internationale Festivals touren. Seine Besessenheitsgeschichte ist zwar nur 70 Minuten lang, doch die haben es in sich!

Dämonische Hypnosesitzung

Will man jemandem erklären, worum es in LUZ geht, so stößt man recht schnell an seine Grenzen, denn, was sich hier auf der Leinwand abspielt, entzieht sich jeglicher Erklärung. Da wäre zunächst der Psychologe Dr. Rossini (Jan Bluthardt), dem in einer Bar von einer unbekannten Frau die Geschichte von Luz erzählt wird, einer Spanisch sprechenden Taxifahrerin, die in einem Internat für Entsetzen gesorgt hat.

Szene aus "LUZ"
Mit Luz stimmt etwas nicht

Luz konnte angeblich anderen Mädchen Krankheiten einreden und gibt auch schon mal obszön - blasphemische Äußerungen von sich. Da liegt die Erklärung mit einer dämonischen Besessenheit natürlich nahe, immerhin hat die kleine Regan im Horrorklassiker Der Exorzist einst ähnliche Sätze von sich gegeben. Jetzt ist Luz nach einem Autounfall traumatisiert und erscheint auf der Polizeiwache, wo Rossini per Hypnosetherapie herausfinden soll, was es mit der mysteriösen jungen Frau auf sich hat.

Regisseur Tilman Singer zeigt das dem Publikum mit konzentrierter Ruhe. Wie diese Sitzung beinahe rituell vorbereitet wird, wie sich alle in den weitläufigen Räumlichkeiten voller Stuhlreihen einfinden. Wenn Dr. Rossini Luz schließlich in den Trancezustand versetzt, wird das Bild schwarz. Ab der nächsten Einstellung sind die Regeln der filmischen Wahrnehmung außer Kraft gesetzt.

Die Elementarteilchen des Kinos

Die gesamte zweite Hälfte von LUZ umfasst dieses Reenactment, das Rekonstruieren des ominösen Autounfalls. Pantomimisch spielt die Schauspielerin Luana Velis die Taxifahrt nach, bedient die Gangschaltung, schaut in den Rückspiegel, stellt den Fuß auf das imaginäre Gaspedal. Im Hintergrund hört man die Fahrgeräusche, die vorbeiziehenden Autos, das Hupen.

Szene aus "LUZ"
Sprunghafte Besessenheit

Bei dem Klangteppich glaubt man irgendwann, selbst mit Luz im Fahrzeug zu sitzen. Tilman Singer gelingt es, die Sinneswahrnehmungen des Publikums völlig auf den Kopf zu stellen und geht dann noch eine Stufe weiter. Da tauchen plötzlich fremde Personen auf und verschwinden mit dem nächsten Schnitt wieder, Figuren sind auf einmal von der Vergangenheit besessen, tauschen die Körper und ganze Identitäten.

LUZ ist ein Hirnverdreher, ein Mindfuck im besten Sinne und obendrein ein äußerst performativer Film. Das könnte mit seinen langen, statischen Einstellungen, dem Spiel mit der Positionierung der Körper im Raum auch ein Theaterstück sein und doch erzählt Tilman Singer hier eine Geschichte, die so nur mit den Mitteln des Films erzählt werden kann. Singer zerlegt das Kino in seine Einzelteile Formen, Klänge, Körper, Farben und führt diese eindringlich vor, auch in ihrer Unheimlichkeit. War das Kino nicht schon immer ein Ort, der die Menschen in Verunsicherung und Angst versetzt hat? Ein Medium, das Tote konserviert und wiedererscheinen lässt, das Zeitgrenzen überschreitet? Nur mit einer Nebelmaschine und der richtigen Lichtsetzung sprengt Tilman Singer den filmischen Raum und verwandelt seinen Schauplatz in ein Delirium, in dem Gegenwart und Vergangenheit, Körper und Geist ineinander verschwimmen.

Kunst der Suggestion

LUZ ist ein Film, der für viele womöglich zu sperrig, zu verkopft erscheinen wird. Tatsächlich muss man sich ganz bewusst der Langsamkeit und der Rätselhaftigkeit dieses Films aussetzen. Ebenso wenig sollte man einen klassischen Horrorfilm erwarten. LUZ könnte man auch mit "Neue deutsche Phantastik" übertiteln. Schließlich formulierte der Literaturwissenschaftler Tzvetan Todorov die Phantastik als eine Gattung, die von dem Ungewissen lebt, von der Liminalität zwischen dem Unheimlichen und dem Wunderbaren.

Dieses Dazwischen bringt Tilman Singer in LUZ so gekonnt auf die Leinwand, wie es schon lange keinem Filmemacher gelungen ist. LUZ ist eine anstrengende, herausfordernde Seherfahrung, deren eigentlichen Schrecken man erst im Nachhinein so wirklich wahrnimmt. Es ist die verstörende Ruhe in den Bildern, die Selbstverständlichkeit des Sonderbaren, während es im Hintergrund bedrohlich grummelt, flüstert, keucht und das Publikum von der enormen Sogwirkung in den Bann gezogen wird. In diesem Moment hat sich das Grauen, das Unbehagen bereits im Hirn eingenistet. Das deutsche Genrekino lebt!

Fazit

LUZ ist ein Experimentalfilm, der zweifellos nicht den Massengeschmack treffen wird und der eher an die Rätselfreude des Publikums appelliert. Hier geht es weniger um das Was, sondern vielmehr um das Wie und das ist Regisseur Tilman Singer genial gelungen. LUZ ist eine inszenatorische, rauschhafte Glanzleistung bis an die Grenzen des Kinos.

 

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LUZ

Kinostart: 21. März 2019

im Verleih von Bildstoerung

FSK 12

Laufzeit: 70 Minuten

Regie und Drehbuch: Tilman Singer (Vimeo - Kanal mit Kurzfilmen des Regisseurs)

Cast: Luana Velis, Jan Bluthardt, Nadja Stübiger, Julia Riedler und weitere

Der Film erscheint voraussichtlich am 31. August 2019 auf DVD und Blu Ray.

Hier geht´s zur Website des Films mit allen Kinoterminen.