Berlinale 2019

Öndög: Mit dem Kamel zum Tatort

Zum sechsten Mal ist der chinesische Regisseur Wang Quan´an bei der Berlinale zu Gast. In seinem neuen Film "Öndög" erzählt er in beeindruckenden Aufnahmen vom Leben in der mongolischen Steppe.
Szene aus "Öndög"
"Öndög" fängt große Landschaftsbilder ein.

Zu Beginn von Öndög fährt ein Wagen durch die mongolische Steppe. Es ist finstere Nacht, nur der Lichtkegel vor dem Auto gibt einen Blick auf die Umgebung preis. Doch auf einmal ist da mehr als Gras und Gestein, das sich bis zum Horizont erstreckt. Auf dem Boden liegt eine weibliche Leiche.

Szene aus "Öndög"
Sex mit Gewehr

Ein Polizeiteam kommt am nächsten Tag zum Tatort und soll den Fall untersuchen. Doch was macht eine Frauenleiche mitten in der Steppe, wo sich sonst keine Menschenseele hin verirrt? Es ist das erste große Paradoxon, mit dem Regisseur Wang Quan´an das Berlinale-Publikum konfrontiert. Das zweite ist dann, dass es im Grunde genommen gar keine Rolle mehr spielt, was es mit diesem Todesfall auf sich hat.

Öndög befasst sich stattdessen mit einer Hirtin, eine Mittdreißigerin, die eigentlich keinen Mann in ihrem Leben braucht und wie eine Kriegerin auf dem Kamel geritten kommt. Sie wird am Tatort abgestellt, um diesen gemeinsam mit einem Polizisten zu überwachen. Es handelt sich um eine der herausragenden Frauenfiguren, die dieses Festival zu bieten hatte. Eine Figur, die ihre ganz eigenen Pläne im Leben hat und für sich selbst sorgen kann. Während einer Sexszene am Lagerfeuer hat sie schon das Gewehr im Anschlag. Sie weiß, eine Wölfin wird kommen und muss mit einem Schuss verjagt werden.

Die Steppe als Hauptfigur

Es ist beeindruckend, mit welcher Konsequenz Wang Quan´an seine Geschichte in Szene setzt. Öndög ist dem slow cinema zuzuordnen. Es gibt nicht viel Handlung in diesem entschleunigten Film und die einzelnen Sequenzen wirken zum Teil unendlich lang. Manchmal kommt es einem fast so vor, als würde man in einer Gemäldegalerie umherwandeln, wenn die Aufnahmen fast statisch auf der Leinwand erscheinen.

Öndög ist einer der anstrengendsten, aber der bildgewaltigste Film im Wettbewerb der 69. Berlinale. Er zeigt eine archaische Welt im Stillstand. Hier in der mongolischen Steppe sind die Mythen und Legenden noch am Leben, auch wenn im entfernten Hintergrund schon der Schlot eines Industriegebietes qualmt.

Öndög, das heißt übersetzt so viel wie "Dinosaurierfossil". Spätestens mit dieser Erklärung verwandelt sich der Film zu einer Art Menschheitsparabel, der sich mit der Zukunft der Gesellschaft oder aber deren Sterben befasst. Man muss dieser Kulturstudie jedoch vorwerfen, dass die Geschichte bei all dem Sinnieren etwas zu sehr in den Hintergrund geraten ist. Viel erzählt Öndög nämlich nicht, wenn der Regisseur immer wieder neue Fährten auslegt, am Ende aber nur wenige Fäden zueinanderfinden und von den endlosen Einstellungen nur noch weiter zerfasert werden.

Gähnen und Staunen

Faszination und Langeweile liegen in Öndög eng beieinander. Einerseits stellt sich schnell eine gewisse Frustration über die dünne Geschichte ein, die kaum einen Schritt vorankommt und stattdessen in existenzialistischen Fragen schwelgt.

Szene aus "Öndög"
Die Hirtin nimmt ihr Schicksal in die Hand

Andererseits ist es ein Glücksfall, dass Wang Quan´an auf dieses Festival zurückgeholt wurde, nachdem er schon mehrfach bei der Berlinale mit Filmen vertreten war, den Silbernen und Goldenen Bären erhielt und 2017 die Internationale Jury unterstützte. Es ist schlicht überwältigend, wie er seinen Film audiovisuell in Szene gesetzt hat. Auf der Tonspur erklingen traditionelle, kehlige Gesänge, zwischendurch trällert Elvis aus den Kopfhörern des um den Tatort herumtänzelnden Polizisten.

Die meiste Zeit aber ist es diese faszinierende Ruhe, wenn der Wind im Hintergrund durch die Gräser fährt und man minutenlang einzelne Bilder auf sich wirken lassen kann. Die Kamera schwenkt langsam hin und her, fährt ganz weit zurück. Fast so, als würde man die Figuren mit einem Fernglas beobachten. Um sie herum ist dann eben doch nur die alles verschlingende Natur.

Fazit

Ein Zugang zu dem extrem langsam erzählten Film fällt nicht leicht. Öndög ist eine Meditationsstunde im Kinosaal und eigentlich ein wunderbar bebildertes Schlaflied nach einem langen Berlinale-Tag. Nur leider muss man danach noch nach Hause fahren...

 

Kommentieren

"Öndög" feiert seine Weltpremiere im Wettbewerb der 69. Internationalen Filmfestspiele Berlin.

Regie und Drehbuch: Wang Quan´an

Laufzeit: 100 Minuten

Cast: Dulamjav Enkhtaivan, Aorigeletu, Norovsambuu Batmunkh, Gangtemuer Arild