Nahost-Konflikt

"Wir wollen uns solidarisieren!"

Seit mehr als 40 Jahren flammt der Nahost-Konflikt immer wieder auf – in diesen Tagen steht die Region am Rande eines Krieges. Und das betrifft auch die Weltgemeinschaft. Auch an der Haltung der deutschen Bundesregierung wird Kritik laut.
Protestler halten Palästina-Flagge und Schild mit Aufschrift "Solidarität mit Gaza"
Kundgebung von Palästina-Unterstützern in Leipzig

Er ist unübersichtlich und langwierig – fast könnte man auf die Idee kommen, er sei schon immer da gewesen. Doch vor allem ist er unendlich traurig. Der Nahostkonflikt hat in seiner Geschichte schon unzählige Opfer gefordert, sowohl auf israelischer als auch auf palästinensischer Seite. Unzählige Versuche der Waffenruhe hat es gegeben, unzählige Male wurden sie gebrochen. Beschäftigt man sich mit der Geschichte des Konflikts, muss man leider sagen: Der neueste Ausbruch des Konflikts kommt nicht unerwartet. Aber er schockiert deshalb nicht weniger. 

Während beide Völker ihr Feindbild schärfen, fragt sich der Rest der Welt, was er denken soll. Was sollen Regierungen und Menschenrechtsorganisationen tun? Was sollen wir als Menschen, die diese Welt gemeinsam bevölkern, denken?

Gaza-Solidarität in Leipzig

In der Leipziger Innenstadt wurde heute der Protest an der Nahostpolitik der deutschen Bundesregierung laut: Sie stelle sich zu eindeutig auf die Seite Israels, die Probleme im Gazastreifen und im Westjordanland würden nicht in Betracht gezogen. Katja Janßen ist selbst zur Hälfte Palästinenserin und promoviert zu palästinensischer Exil-Lyrik.

Als Initiatorin einer Kundgebung unter dem Motto "Solidarität mit Gaza – Stoppt die Besatzung" hat sie vor rund 100 Zuhörern auf die palästinensische Sicht des Konflikts aufmerksam gemacht. Kritisiert wurden dabei unter anderem die Rolle der deutschen Regierung und die, so Janßen, einseitige, pro-Israel-Berichterstattung der Medien. mephisto 97.6-Reporter Florian Zinner hat mit ihr über die Kundgebung, ihre Beweggründe und mögliche Lösungen für die Zukunft gesprochen.

Interview

mephisto 97.6: Warum sollte man sich mit Gaza solidarisieren?

Katja Janßen: Ich finde nicht, dass man sich mit irgendwem solidarisieren soll. Wir haben das Soli-Demo, Soli-Kundgebung genannt. Aber ich glaube nicht, dass das der Punkt ist. Der Punkt ist, dass es schon eine Solidarität gibt und das ist die der bundesdeutschen Regierung mit Israel.

Erst gestern hat Deutschland versprochen, dass sie Israel ein U-Boot schenken, das wird also mitfinanziert: Die Hälfte zahlt Israel und die Hälfte Deutschland. Also dass Deutschland schon beteiligt ist, dass deutsche Waffen in diesem Konflikt eingesetzt werden – das heißt, dass das, was in Gaza passiert, unter unserem Zutun passiert. Weil wir es nicht verhindern, weil unsere Regierung dies tut.

m976: Israel hat ja bereits einem Waffenstillstand zugestimmt, die Hamas aber nicht. Wie bewertest du das?

KJ: Also ich kann jetzt für niemand anderen sprechen als für mich. Deshalb passt die Frage jetzt eigentlich nicht zu dem, was wir in der Kundgebung tun wollen, weil ich jetzt auch nicht weiß, was Leute in Gaza sagen würden. Die sollte man ja eigentlich fragen, was ihre Perspektive ist. Und ich glaube zu verstehen, dass sie total verzweifelt sind in ihrer Situation in Gaza.

Gaza ist belagert, Gaza ist seit 1967 besetzt von Israel. Es ist eine Besatzungszone, ein ganz, ganz kleines Gebiet, aber dicht bevölkert. Und man kommt da nicht raus. Es gibt Nahrungsknappheit, die medizinische Versorgung ist schlecht, das Wasser ist verschmutzt. Das heißt, die Situation in Gaza ist sehr, sehr schlimm. Ich glaube, dass viele Menschen in Gaza denken: Wenn wir jetzt, also unsere Regierung, diesen Waffenstillstand akzeptieren, dann bedeutet das, dass die Situation weitergeht. Und das ist eine hoffnungslose Situation.

Das bedeutet: Was wir jetzt gerade in den Nachrichten sehen, ist eigentlich nur die Speerspitze, ist die Spitze des Eisbergs. Darunter ist ein krasses System der Unterdrückung. Und mit einem Waffenstillstand würde die Situation so bleiben, das heißt, die Leute würden weiterhin unter israelischem Militärrecht leben und sie würden nicht rausgehen können aus diesem Gebiet. Also es ist schon klar, warum da Leute dagegen sind.

m976: Du hast gerade schon die Nachrichten angesprochen: Was da zu sehen ist, sieht ja eindeutig nach Krieg aus. Du sagst aber auch: Das ist kein Krieg zwischen zwei Völkern [so zu lesen auf dem Flyer der Demonstration, Anm. d. Red.]. Was ist es denn dann?

KJ: Das sind zwei Punkte. Also es ist erst mal kein Krieg. Wenn ich Krieg höre, dann stell ich mir zwei Armeen vor, die gegeneinander kämpfen. Aber Palästina, also Gaza, hat keine Armee und ist unter Besatzung. Israel hat theoretisch sogar Atomwaffen und hat im letzten Gazakrieg auch Phosphorbomben benutzt.

Was eigentlich passiert ist, ist dass Israel als Besatzungsmacht das Gebiet angreift und bombardiert, das es eigentlich selbst besetzt. Und natürlich gibt es Widerstand von der Bevölkerung oder von einzelnen Gruppen. Aber es ist kein Krieg, weil es keine zwei Seiten sind, die gegeneinander kämpfen. Sondern es ist die Besatzungsmacht die gegen die Besetzten kämpft und das ist kein Krieg.

Und es geht nicht darum, dass das jüdische Volk gegen das palästinensische Volk kämpft, sondern es geht darum, dass die Besetzung aufhören muss. Es muss für jeden, der dort lebt, möglich sein, die gleichen Rechte zu haben. Es wird oft essenzialistisch aufgeladen beschrieben: Also das sind die Juden und das sind die Muslime. Aber nicht alle Palästinenser sind Muslime. Und es geht nicht um die Religion, sie streiten sich ja nicht um die Religion. Die meisten Konflikte, so wie auch der Konflikt in Nordirland, haben nichts mit Religion zu tun. Da geht es um Macht, wer die Privilegien hat in diesem System.

m976: Was wollt ihr mit eurer Kundgebung heute auf dem Richard-Wagner-Platz erreichen?

KJ: Klar, wir wollen die Leute sensibilisieren für das, was passiert. Die meisten sehen ja Nachrichten und da wird es so dargestellt, als wäre die Hamas das Problem, als gebe es keine Besatzung, als wäre es eben ein Krieg zwischen zwei Seiten. Dann wird die ganze Zeit aus israelischer Sicht berichtet und die israelischen Toten werden betrauert, nicht die palästinensischen.

Das ist ein totales Problem, dass sich dann Leute nur mit der einen Seite identifizieren. Und wir wollen, dass die Bombardements aufhören und dass die Besatzung anerkannt wird; mit der konkreten Forderung an unsere eigene Regierung, diese Besatzung, diese Apartheid, die dort besteht, nicht weiter zu unterstützen.

m976: Was muss denn deiner Meinung nach passieren – was wäre der erste Schritt in Richtung einer friedlichen Einigung?

KJ: Also meine persönliche Meinung ist, dass die Besatzung aufhören müsste. Es müsste eine Einstaatenlösung geben, in der jeder Mensch, egal ob er jetzt Jude ist oder Palästinenser oder Moslem oder Christ oder auch ein Einwanderer aus Kriegsregionen in Afrika die gleichen Rechte hat. Das wäre das Ziel.

 

Florian Zinner im Gespräch mit Katja Janßen, Initiatorin der Kundgebung für mehr Gaza-Solidarität
Gaza-Interview

 

Pressestimmen zum aktuellen Konflikt zwischen Palästina und Israel hören Sie im folgenden Audio:

 

Pressestimmen zum Nahostkonflikt, ausgewählt und gesprochen von Ludwig Bundscherer
Pressestimmen Nahostkonflikt
 

Kommentare

Gehörten zu der Kundgebung zufällig auch die ca. 50 Leute mit 10 fröhlich "Sieg Heil"-rufenden Nazis darunter, die gegen 19 Uhr den Neumarkt runtergelaufen kamen?

Gaze Besetzt: Wie das? Warum sollten dann die Israelis eine Bodenoffensive starten obwohl sie doch schon längt alles im Gazastreifen kontrollieren können müssten? Warum kann die Hamas Raketen auf Israel abschicken wenn der Gazastreifen von den Israelis besetzt ist? Die Besetzung hat vor einigen Jahren geendet. In der Tat ist das Westjordanland besetzt, der Gazastreifen jedoch nicht.

Natürlich ist es nicht möglich die Grenze zwischen Israel und dem Gazastreifen zu öffnen, denn die ersten Selbstmordattentäter würden sich wenige Tage nach Grenzöffnung in Tel Avivs Einkaufsstraßen in die Luft sprengen und viele Menschen mit in den Tod reißen.

Ich kann mir sehr die Verzweiflung der Palästinenser im Gazasteifen vorstellen. Leider ist dies auch ein Ergebnis der selbst gewählten Hamas. Ich verstehe Frau Janßen auch nicht bezüglich ihrer Einstellung zum Waffenstillstand. Einerseits wird gegen den Waffenexport (s.o.) und anschließend wird praktisch der militärische Konflikt in den Gazastreifen unterstützt, da sonst "die Situation so weitergeht". Wie bitte? Gewalt ist nie eine Lösung!

Das Wort "Appartheit" zu nutzen ist die Krönung des Interviews. Immerhin ist damit die Rassentrennung in Südafrika gemeint. Das Zeugt eigentlich nur davon dass Frau Janßen wirklich keine Ahnung von den genauen Strukturen in der palästinenstischen und israelischen Gesellschaft hat.

Es hört sich hier so an als ob Antiisraelische Propaganda nachgeplappert wird und darunter versteckt sich häufig noch tiefgreifenderes. Sehr guter Kommentar vom Moderator am Ende des Interviews. Liebes Radio Mephisto: Bitte versucht doch in Zukunft Menschen wie Frau Janßen nicht die Möglichkeit zu geben ihre eingeschränkte Sicht der Dinge zu verbreiten. Man sollte die Situation in Palästina differenziert betrachten. Es gibt kein Schwarz-Weiß-Spiel.

Viele Grüße

Die gegenwärtigen Auseinandersetzungen sind wohl am ehesten mit dem Begriff des "asymmetrischen Krieges" zu fassen. Wer angesichts dessen einen Krieg "auf Augenhöhe" fordert, ist entweder naiv oder eben konsequenterweise für die Aufrüstung derjenigen Terror-Banden, für die emanzipierte Frauen, Homosexuelle, Andersgläubige und Nonkonformisten bestenfalls als "menschliche Schutzschilde" herhalten sollen. Was sich Frau Janßen so unter "Krieg "vorstellt, findet zur Zeit (glücklicherweise) nur noch in den Geschichtsbüchern statt. Die "Armee" - wenn man so will - des Gazastreifens hört jedenfalls auf den Namen "Hamas". Diese auf den antisemitischen (Medien-)Krieg spezialisierten Djihad-Hooligans, die sich als gottgefällig-legitime Regierung kostümieren, sollten lieber ihre offensichtlich vorhandenen Kompetenzen im Tunnelbergbau der zivilen/handelsüblichen Verwertung zuführen und bei dieser Gelegenheit ein ausreichend tiefes Loch graben, um ihre menschheits- und vernunftverachtende Ideologeme endgültig dem Müllhaufen der Geschichte zu überantworten. Überdies ist es schon nicht ohne eine gewisse Ironie, dass ein (studentisches) Milieu, welches ansonsten auf jedes gendersensible Unterstrich_Sternchen achtet, auf dem djihadistisch-tugendterroristischen Auge reflexartig so blind ist, wenn es um das Schmieden einer anti-israelischen Querfront geht. "Das ist ein totales Problem, dass sich dann Leute nur mit der einen Seite identifizieren." Darüber sollte _man* mal nachdenken...

Ich finde die Aussagen der Interwieten ahistorisch, Tatsachen verdrehend und natürlich ist die Hamas ein riesen Problem. Hamas ist sehr gut mit Waffen bestückt. Hamas gefärdet die eigene Bevölkerung. Hamas arbeitet an der Vernichtung Israels, wünscht sich diese. (Bitte in deren Programm nach lesen). Arafat hätte in den 60er Jahren den Staat Plästina ausrufen können. Er hat dies nicht getan weil er damit den Staat Israel anerkannt hätte.

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Verena Ritter, Laura Kneer
17.07.2014 - 19:13

Pressestimmen:

Stuttgarter Nachrichten:
"Waffenruhe lässt kaum Zeit zum Leben"

TAZ:
"Kein Sieger in Nahost"

Qantara:
"Provokation und Gewalt"

Deutsche Welle:
"Leben unter Beschuss in Gaza"

Der Spiegel:
"Gaza-Israel-Konflikt: Vermittler fehlen für Verhandlungen"

Focus Online:
"Hunger, Flucht, Tod: Vor allem Kinder leiden unter der Israel-Offensive"

Bild:
"Raketen, Granaten, brutale Kämpfer: Gaza – Brutstätte des Terrors"

n-tv.de:
"Einschlag auf Strand in Gaza: Bombe tötet spielende Kinder"

Deutschlandradio:
"Niemand leidet mehr als die Kinder"

tagesschau.de:

"Geschosse aus Gaza trotz Feuerpause"